Süßen / hel/tut/rk/cs  Uhr
Ein Imam in der Ditib-Moschee in Süßen lässt Kinder für den Sieg der türkischen Armee im Krieg gegen Kurden in Syrien beten. Politiker im Landkreis sind entsetzt.

Schwere Vorwürfe gegen die Ditib-Moschee in Süßen: Politiker im Landkreis haben besorgt bis entsetzt auf Vorgänge reagiert, über die das SWR-Fernsehen am Donnerstagabend berichtet hatte. Ein Imam der Moschee hatte  im Januar nach dem  umstrittenen Einmarsch der türkischen Armee in Syrien Kinder für einen Sieg der Türkei im Krieg gegen kurdische Milizen beten lassen. Der SWR zeigte in seiner Sendung ein Video mit verstörenden Aufnahmen aus dem Gebetsraum.

Das SWR-Video

Der Fall hat große Empörung ausgelöst und sorgt auch in Süßen für Gesprächsstoff. Bei Bürgermeister Mark Kersting riefen Stadträte an. Er werde auch von Bürgern angesprochen, sagte Kersting – und wird im Gespräch mit unserer Zeitung sehr deutlich: Kinder für den Krieg oder politische Interessen zu instrumentalisieren und beten zu lassen, sei verwerflich. „Das passt nicht zu zu unserem Wertesystem und ist nicht hinnehmbar.“

Dass in der Süßener Moschee mit Kindern für den Krieg gegen Kurden gebetet wurde, will  Ditib vorerst nicht beurteilen.

Der Rathauschef hat den Kontakt zu den Vertretern der Süßener Ditib aufgenommen. In der kommenden Woche sei ein Treffen vereinbart. „Wir werden ein sehr ernstes Gespräch führen“, erklärt Kersting. Er beabsichtige unmissverständlich klar zu machen, „dass so etwas hier nicht passieren darf“.

Auch bei den Abgeordneten im Landkreis ist die Fassungslosigkeit groß. „Wir werden nicht akzeptieren, dass in Deutschland Kinder für einen fragwürdigen Krieg instrumentalisiert werden“, betonte am Freitag die Göppinger SPD-Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens. Kinder dürften nicht für politische Zwecke missbraucht werden – schon gar nicht unter dem Deckmantel der Religion, sagte sie.

Der Geislinger SPD-Landtagsabgeordnete Sascha Binder reagierte  „entsetzt“ und forderte, die Vorfälle in der Moschee müssten „zur Chefsache von Ministerpräsident Winfried Kretschmann“ werden.  Dieser müsse den Ditib-Landesverband „zum Rapport einbestellen“. Binder: „Eine solche Indoktrinierung von Kindern dürfen wir in unserem Land nicht zulassen.“ Geprüft werden müsse auch, ob es weitere solcher Fälle im Land gebe.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Hermann Färber aus Böhmenkirch hält es für „nicht tragbar, Kinder für kriegerische Handlungen beten zu lassen“. Es sei „nicht akzeptabel, Kinder auf diese Art und Weise zu beeinflussen“. Derartige Aktionen „tragen negativ zur Integration bei“, zeigte sich Färber überzeugt.  Der CDU-Politiker erwartet, „dass die Menschen, die hier leben, sich an unsere Regeln und Gesetze halten, sich mit unseren Werten identifizieren und sie an die Kinder weitergeben“.

Die CDU-Kreisvorsitzende und Geislinger Landtagsabgeordnete Nicole Razavi verurteilte die Vorkommnisse in Süßen „aufs Schärfste“. Aus ihrer Sicht sei „so etwas unvereinbar mit unserer Rechtsordnung“. Es müsse untersucht werden, welche Geisteshaltung in derartigen Vereinen vorherrsche. Razavi stellte die Frage in den Raum: „Ist es ein bedauerlicher Einzelfall oder nur die Spitze des Eisbergs?“ Besonders „bitter traurig und beschämend“ sei es, dass in Süßen Kinder instrumentalisiert wurden. Für die Politikerin steht „die Existenzberechtigung solcher Vereine nach dem Vereinsrecht in Frage“.

Politiker fordern Aufklärung des Vorfalls

Der Grünen-Abgeordnete Alex Maier aus Göppingen forderte: „Die Verantwortlichen von Ditib müssen sich erklären, der Vorgang in der Süßener Moschee muss zwingend aufgeklärt werden.“ Dabei müsse auch geklärt werden, ob es von der Ditib-Zentrale eine bundesweite Order gab, beim Freitagsgebet für die türkische Militäraktion gegen die Kurden zu beten. Maier: „Wir können und werden nicht zulassen, dass Kinder für Propaganda-Zwecke missbraucht werden.“

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Volker Münz aus Uhingen verlangte  „ein Betätigungsverbot der vom türkischen Staat ent­sandten Vorbeter in Deutschland und eine Überwachung der Ditib durch den Verfassungsschutz“. Dies sei notwendig, „um auch die Mitbürger türkischer Herkunft vor dem Druck aus den eigenen Reihen zu schützen“. Die Vorkommnisse in Süßen sind für Münz zudem Anlass für seine Forderung, „einem weiteren Zuzug aus dem islamischen Kulturkreis enge Grenzen zu setzen“.

Der Kreisverband der Linken und Kreisrat Christian Stähle haben am Freitag bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart Strafanzeige gegen den Imam der Ditib-Gemeinde Süßen erstattet. Denn es gehe auch um Volksverhetzung, da sich der Imam gegen die Kurden wende. Landrat Edgar Wolff und der Kreistag werden aufgefordert, in der Kreistagssitzung am 23. Februar „diesen unsäglichen Vorgang im Landkreis mit einer öffentlichen Erklärung zu verurteilen“.

Blindes Vertrauen gegenüber Ditib-Vereinen ist fehl am Platz, meint Elisabeth Zoll.

Welche Aufgaben hat der Ditib-Verband?

Verband: Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (türkisch: Diyanet Isleri Türk Islam Birligi), abgekürzt Ditib, mit Sitz in Köln ist der Dachverband für die Koordinierung der religiösen, sozialen und kulturellen Tätigkeiten der angeschlossenen Moscheevereine in Deutschland.