Musik Ensemble mit Eigenart

Nach der „Begrüßungsorgie“ gibt es erstmal Gesangsübungen. Seit fast acht Jahren schon gibt es in Zell u.A. den Integrativen Chor. Leiterin Hedwig Schlecht „möchte die Menschen mit Hilfe der Musik verbinden“, die Mitglieder haben vor allem eines – Freude.
Nach der „Begrüßungsorgie“ gibt es erstmal Gesangsübungen. Seit fast acht Jahren schon gibt es in Zell u.A. den Integrativen Chor. Leiterin Hedwig Schlecht „möchte die Menschen mit Hilfe der Musik verbinden“, die Mitglieder haben vor allem eines – Freude. © Foto: Sabine Ackermann
Zell u.A / Sabine Ackermann 20.01.2017

Im Minutentakt füllt sich das evangelische Gemeindehaus in Zell u.A.. Kaum im Warmen, ertönt von überall her ein fröhliches „Hallo“ oder es wird tüchtig geknuddelt. Nach Wochen der „Gesangs-Abstinenz“ ist die Wiedersehensfreude groß, die Stimmung bestens. Und Melanie Eissler strahlt: „Endlich wieder singen!“ Auch Mitbegründerin Monika Loser freut sich auf die erste Chorprobe im neuen Jahr und will noch schnell einiges loswerden: „Von allen Seiten habe ich viel Positives über unseren letzten Auftritt gehört.“

2009 gegründet, sind bei den  26 Mitgliedern des Integrativen Chors wöchentliche Singstunden fest eingeplant, wenngleich Günther Hofmann, Chormitglied und Vorsitzender der Arbeits- und Lebensgemeinschaft Bad Boll, schelmisch feststellt: „Manche kommen ja hauptsächlich wegen dem Knuddeln.“ Was einige Lacher zur Folge hat und doch mehr als ein Witz ist. Die Menschen hier – ob mit oder ohne Behinderung – sehen sich als eingeschworenes und harmonisches Gesangsteam.

„Bevor wir singen, machen wir erst einmal ein paar Lockerungsübungen, klopfen unsere Arme aus, kreisen mit den Schultern“, ergreift schließlich Chorleiterin Hedwig Schlecht das Zepter und beendet schmunzelnd die „Begrüßungsorgie“. Muskeln und Gemüt gelöst, werden nun die Stimmbänder mit sich wiederholenden Selbstlauten „geschmiert“. Hernach folgt viermal kurz und einmal langgezogen ein „Singe, summe“, ein „Lobe, liebe, lebe“ sowie ein geschmeidiges „Babbele“.

Die Gesangsübungen bringt vor allem die Jugend zum Kichern. Während sich Lisa Attinger breit grinsend hinterm Textblatt versteckt, schaut Thomas Koch erst gar nicht drauf. „Singen und lesen ist nicht so seins. Aber unser Thomas ist trotzdem sehr musikalisch, spielt Klavier, Flöte und Ziehharmonika“, weiß Helga Müller zu berichten. Die 76-Jährige kam wie ihr gleichaltriger Kollege Rolf Kill vom Zeller Kirchenchor und fühlt sich hier richtig wohl: „Das Singen macht großen Spaß, ob lustige Lieder oder zur Jahreszeit passende. Und finden wir mal eine Melodie zu schwer, beruhigt uns Hedwig gleich: „Ach, das lernt ihr“.

Gleichfalls von Beginn an dabei sind Eberhard Binder, Inge Ludwig, Irene Serfass sowie Thekla Schwegler. „Mich beeindruckt, mit wieviel Herzblut die Menschen mit Unterstützungsbedarf dabei sind. Es kommt nicht darauf an, perfekt zu singen, aber fast alle lernen die Texte auswendig, wissen genau, um was es in den Liedern geht, und präsentieren diese mit Schwung und Bewegung“, lobt Rolf Kill.

Dazu gehört auch, Eigenheiten zu akzeptieren. Thomas Koch etwa achtet auf sein Erscheinungsbild und verlässt stets mit Krawatte das Haus der Mitte. Gerade optimiert er deren Sitz, während der Chor leidenschaftlich „Das wünsch ich Dir“, „Komm, und erzähl uns“ oder „Gerechtigkeit fließe“ schmettert. Ganz selbstbewusst im Trainingsanzug tritt dagegen Moritz Schiebel auf. Lässig die linke Hand in die Hosentasche gesteckt, verstärkt er laut singend die achtköpfige Männerriege. Meistens jedenfalls. Ab und zu kommt von Hedwig Schlecht auch eine Ansage: „Ihr beiden Herrschaften, nicht reden, sondern singen“, mahnt sie ihre Pappenheimer.

Für die studierte Kirchenmusikerin ist die vielfältige Zusammensetzung eine große Bereicherung. „Ich möchte die Menschen mit Hilfe der Musik verbinden und ihnen etwas Positives für ihr Leben vermitteln. Die Älteren bekommen die Lebensfreude von den Jungen und die haben dadurch wiederum Kontakte auch außerhalb der Einrichtung, in der sie leben“, berichtet die Bollerin. Ihre musikalische Arbeit jedenfalls kann sich die 55-Jährige ohne den integrativen Charakter gar nicht mehr vorstellen.

Musikwerkstatt und Theater

Hedwig Schlecht leitet neben dem Inklusiven Chor in Zell auch seit mehr als 16 Jahren die Inklusive Musikwerkstatt der Jugendmusikschule Göppingen im Haus der Mitte in Bad Boll. Außerdem leitet sie mit Günther Hofmann und, Richard Pregizer die Theaterwerkstatt La Commedia Bad Boll.

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