Gericht Enkelin und Nichte missbraucht: Dreieinhalb Jahre Haft

Göppingen / DIRK HÜLSER 22.07.2015
Wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs von Kindern ist ein 65-jähriger Göppinger am Mittwoch zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden.
Wohin die Reise für den Angeklagten gehen würde, machte der Göppinger Amtsgerichtsdirektor Wolfgang Rometsch am Mittwoch kurz nach der Mittagspause deutlich: „Haben Sie die Beweisaufnahme mal auf sich wirken lassen?“ fragte er den 65-Jährigen aus einem Göppinger Stadtteil. „Meinen Sie nicht, es wäre Zeit für eine Erklärung?“ Der Mann auf der Anklagebank schüttelte den Kopf. Er habe alles gesagt, die Tatvorwürfe träfen so nicht zu. Das sah Staatsanwältin Ayfer Kaplan-Pirl anders.

Seine Enkelin und eine Nichte soll der Mann missbraucht haben, erzwungenen Oralverkehr und erzwungenen Geschlechtsverkehr listete die Anklägerin auf. Acht oder neun Jahre alt war die Enkelin zum Tatzeitpunkt, zwölf oder dreizehn die Nichte – ganz genau ließ sich das nicht mehr feststellen.

Das sei auch nicht relevant, befand Rometsch in der Urteilsbegründung: Dreieinhalb Jahre Haft verhängte das Schöffengericht und ging damit noch drei Monate über die Anträge der Staatsanwältin und der Nebenklage hinaus.

Doch bevor es zum Urteil kam, spielten sich tumultartige Szenen im Göppinger Schloss ab. Im Saal saßen etliche Familienmitglieder, darunter auch viele Frauen, die nach eigenen Angaben ebenfalls von dem Mann missbraucht wurden. „Bei acht Geschädigten können Sie gottfroh sein, dass viele Taten schon verjährt sind“, sagte Kaplan-Pirl, für sie waren auch die anderen, älteren Vergehen unstrittig.

Die Emotionen kochten dementsprechend hoch: Angehörige stürmten zu Beginn der letzten Verhandlungspause auf die Anklagebank zu und beschimpften den 65-Jährigen, der wegen eines Arbeitsunfalls im Rollstuhl sitzt. Dessen Ehefrau wiederum und zwei andere Verwandte verteidigten den Mann lautstark, eine Frau rief: „Ich war drei, als Du mir das angetan hast! Drei Jahre alt!“ Dann brach sie weinend und schluchzend auf dem Gang zusammen. Justizbeamte mussten eingreifen, damit die Situation nicht völlig eskalierte.

Tränen liefen bei der Verhandlung über viele Gesichter. Da waren die beiden Opfer, die nichtöffentlich aussagten – tränenreich, wie später zu erfahren war. Die Enkelin des Angeklagten musste schon zu Beginn der Verhandlung mit den Tränen kämpfen, ebenso ihr Vater – der Sohn des Angeklagten–, der sich bei allzu drastischen Schilderungen der Vorgänge weinend die Ohren zuhielt.

Der 41-Jährige war auch bei seiner eigenen Aussage kurz vor einem Zusammenbruch, berichtete, wie er anfangs fassungslos von den Vorwürfen gegen seinen Vater erfahren hatte: „Das glaube ich nicht. Warum sollte er das machen – ich bin doch sein einziger Sohn!“ So habe er reagiert, als seine Tochter ihm 2012 berichtet hatte, wie der Opa sie im Intimbereich gestreichelt habe.

Geredet hatte sie nur auf Drängen des Vaters – in der Verwandtschaft hatten immer mehr Frauen erzählt, dass sie als Minderjährige von dem gelernten Handwerker missbraucht worden waren. Deshalb die Befragung der Tochter, daraufhin offenbarte sich auch die Nichte des Täters – sie musste ein mehrstündiges Martyrium in einem Wohnwagen über sich ergehen lassen, inklusive Vergewaltigung.

Auch nach all den drastischen Schilderungen blieb der Angeklagte bei seiner Version, es handele sich alles um eine große Verschwörung. Rometsch meinte dazu: „Diese Vorstellung ist abenteuerlich.“ Dies hätten auch die Tumulte gezeigt: „Die emotionale Eruption dürfte das widerspiegeln, was Sie anderen an Leid angetan haben.“

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