Göppingen Englisch dreier Kontinente

URSULA BÖTTCHER 04.04.2012
International, konzentriert und arbeitsreich geht es diese Woche bei der Kammermusik- Akademie am Hohenstaufen zu. Bis in die Nacht wird geprobt; viele Hände helfen im Hintergrund mit.

Schöner gehts kaum noch als dort am Ortsrand von Hohenstaufen: unverbaubarer Blick auf Filstal und Alb, eine herrliche Ruhe, die nur von Vogelgezwitscher unterlegt ist, und über allem ein blauer Himmel. Ist da nicht noch was? Doch, ab und zu wehen Streichertöne aus zwei Einfamilienhäusern. Hervorgelockt werden sie auf den Geigen, Bratschen und Celli der elf Musikstudenten aus dem Nahen Osten, Lateinamerika, Südeuropa und Estland und ihrer drei Dozentinnen. Gerade hat die arbeitsintensive Woche im hochgelegenen Göppinger Stadtteil begonnen; die Ernte werden sie am Osterwochenende öffentlich präsentieren.

Am Tag zuvor sind sie angereist, aus Paris, Berlin, Wien. Schon eine Stunde, bevor es der dichte Probenplan vorgesehen hat, haben sie angefangen einzutauchen in die Akademietage, an denen es bis in die Nacht hinein um nichts anderes als Musik und nochmals Musik geht. Die Studenten üben alleine, zu zweien, haben Einzelunterricht oder sich zum Sextett zusammengetan - wie Amelie Hirsch aus Frankreich, Luisa Dragoi aus Venezuela, Giorgio Chinnici aus Italien, Ribal Nassar-Molaeb aus dem Libanon und Shaul Kofler, der in Madrid geboren ist.

In dem einen Wohnzimmer sind die Möbel beiseitegeschoben und die Esstischstühle im Kreis aufgestellt worden, Rucksäcke und Instrumentenkästen stehen an der Seite, Jacken sind salopp über die Sofalehne geworfen, einer sitzt in Strümpfen da. Die sechs Nachwuchsmusiker sind noch ein bisschen unsicher im Umgang miteinander. Sie verständigen sich auf Englisch, einem Englisch mit den Farben dreier Kontinente, verstehen aber immer auch ein paar Brocken der anderen Sprachen. "Eins, zwei, drei", zählt Ribal auf Deutsch an, das "Z" ist ein weiches "S". Mit sechs Jahren hat er auf dem Konservatorium des Libanon mit der Musik angefangen, war ein Jahr auf dem Mozarteum in Salzburg und studiert jetzt in Berlin. Konzentriert, aber nicht todernst, setzen die Sechs ein. Das Streichsextett Nr. 1 B-Dur op. 18, das am Ostersonntag aufgeführt werden soll, klingt noch holprig. Nach ein paar Takten beginnt es zu quietschen und zu scheppern, und unter Gelächter wird abgebrochen. Man steckt die Köpfe über den Noten zusammen, diskutiert, zur Verdeutlichung werden ein paar Takte gesungen, ein paar Brocken Spanisch sind zu hören. Es geht weiter, eine hat sich verspielt, wieder Abbruch. Der musikalische Faden wird wieder und wieder aufgenommen, bis man auf Englisch zu dem Schluss gelangt, dass es nun gut klingt, "fine". Das "Rondo" ist an der Reihe.

Nach einer Stunde hat sich der Ton gewandelt. Das Fremdeln geht in Vertrauen über, die Persönlichkeiten, Kulturen und Nationen verbinden sich - ein Ensemble entsteht. Zwar haben die 16- bis 26-Jährigen alle schon viel Musik gehört, aber für die meisten ist dies eine neue Erfahrung. Nur die vier, die im "West-Eastern Divan Orchestra" des großen Daniel Barenboim vertreten sind, hätten nämlich Orchestererfahrung, weiß Sara Rilling, die deutsche Stimme im Bunde der Lehrerinnen. "Spannend" findet Virginie Robilliard, die polyglotte Französin im Dozentinnenteam, den Prozess.

Das Mittagessen muss ein bisschen warten. Dr. Ulrich Grill, Leiter des Kammermusik-Festivals und Mann für alles bei der Akademie, hat in der Gaststätte des Tennisvereins große Pfannen Nudeln besorgt. Eine Nachbarin hat einen Gemüsekuchen versprochen, in der Grill schen Küche entstanden vorab 100 Maultaschen, und Freunde werden Kuchen liefern. Zum Abendessen gehts in die Turnhallengaststätte, wo der Koch ohne Federlesens bereit ist, um zehn noch einmal den Herd anzuschalten. "Alle helfen mit", freut sich Grill und blickt zufrieden auf die Runde um seinen Esstisch: "Richtig nette Leute."