Sie schweben wie auf Wolke sieben und schauen drein wie die zwei Putten in Raffaels „Sixtinischer Madonna“. Zumindest auf ihrem Konzertplakat. Die Kritiker feiern und preisen das Oldenburger Liedermacher-Duo „Simon & Jan“ auch als himmlische Wesen mit engelsgleichem Harmoniegesang, die Gitarre statt Harfe spielen können wie Götter. Ohne Ansage, fast beiläufig lassen sie sich von oben – also von Norden, von Oldenburg herkommend – Samstagabend auf der Bühne im Göppinger Odeon nieder. Mit Flügeln, die man nicht sehen kann und ganz in Schlabber-Look-Zivil gewandet.

Engel kommen und sind da, wenn man sie braucht. Man muss Engel nur sehen können. Simon Eickhoff getarnt mit echter, bis zur Hüfte reichenden rastamäßiger Haarpracht und Jan Traphan, der Tonangebende, mit Schiebermütze. Kein Rauschgold! „Wer von euch glaubt an den Weihnachtsmann?“, will Jan wissen. „An die Zahnfee? An die 3. Zahnfee? Alles nur gelogen!“ Im Himmel, sagt er, gebe es auch keine Jungfrauen und wenn es welche gebe dann wollen sie es nicht bleiben.

Zwei ehrliche Engel, die gekommen sind, um das Leben der Zuhörerschar unten im Saal aufzuräumen. „Halleluja!“. Das Lobpreisen muss noch geübt werden. Dann stimmt auch das Publikum in den Lobgesang mit ein. Frage: „Gibt’s noch jemanden, auf den man sich in diesen Zeiten verlassen kann?“. In Garching nannte einer: „Die Müllabfuhr“. Göppingen schweigt vielsagend. Die Engel wollen in Zeiten wie diesen der Menschheit ein Leuchtturm sein. Zur Orientierung. Ihre Musik ist verführerischer Sirenensound, die Töne schmeichlerisch einlullend. Doch die Texte des preisgekrönten Liedermacher-Duos gleichen wortspielerischen Fallstricken, reißen einen jäh aus Träumen heraus und zurück in die irdische Wirklichkeit. Das ist brillante Kleinkunst. Scharf, hintersinnig und anspruchsvoll. Apropos Kunst. Kunst ist  es auch, wenn Christo den Reichstag ein- aber nicht, wenn Micaela ihre Möpse auspackt. Und braucht’s Kunst für Nazis? Beton-Mahnmale? Nicht für sondern mit Nazis, fordert Jan. Ist Inklusion und spart Beton.

Simon und Jan halten den selbstkritischen Spiegel vor. Allen, denen es gut geht in diesem wundervollen Land. Nur: Fremder, bleib bitte, wo du bist, damit alles bleibt wie es ist! Halleluja. Sie schwingen wieder ihre Flügel. Heben ab mit Leonard Cohen und – na klar – seinem Halleluja-Hit. Zweimal noch kommen sie retour. Auch Engel machen Zugaben. Dann geht’s endgültig weiter. Nach oben. Nein, nicht in den Himmel. Aber auf den Weg in den Olymp der Liedermacher.

Info Das Duo „Simon & Jan“ fand sich 2006 beim Musikstudium. Seit 2009 hamstern sie Kleinkunst-Preise, zuletzt den Salzburger Stier.