Theater Engagierter „Nathan“ in Göppingen

Von Tempelsäulen gesäumt, bot das Theater Poetenpack aus Potsdam dem Publikum in der Göppinger Stadthalle eine klassisch orientierte Inszenierung.
Von Tempelsäulen gesäumt, bot das Theater Poetenpack aus Potsdam dem Publikum in der Göppinger Stadthalle eine klassisch orientierte Inszenierung. © Foto: Tilman Ehrcke
Göppingen / Axel Raisch 02.02.2018

So lange es religiöse Konflikte gibt, wird wohl Lessings Stück „Nathan der Weise“ aktuell bleiben. Nach wie vor steht das Märchen von der multireligiösen und multiethnischen Patchworkfamilie daher auch auf dem Lehrplan und führte etliche Schüler in die vollbesetzte Göppinger Stadthalle zur Aufführung des Stücks durch das Poetenpack aus Potsdam.

Im Mittelpunkt der zweieinhalbstündigen Inszenierung unter der Regie von Andreas Hueck steht auf der von Tempelsäulen gesäumten Bühne natürlich die berühmte Ringparabel. Der Jude Nathan erklärt anhand der Geschichte eines vererbten Ringes ausweichend geschickt, dass er keiner der drei Religionen den Vorzug gebe – nachdem ihm der muslimische Sultan zuvor die Frage nach der wahren Religion gestellt hatte.

Zentral ist der Toleranzgedanke. Lessing geht jedoch über diesen Toleranzgedanken hinaus und lässt die religiösen Gegensätze schließlich in der konstruierten Gemeinschaft verwandtschaftlicher Beziehungen schmelzen. Relativismus wird zur Ersatzreligion. Kein Mensch muss müssen. In der Inszenierung des Poetenpacks werden die vielen kleinen Säulen am Ende umgeworfen und gemeinsam durch eine massivere  ersetzt.

Die drei abrahamitischen Religionen finden beim Poetenpack mit der Darstellung zentraler Feste und Riten und der sie begleitenden typischen Musik ihren Niederschlag, sei es beim Start mit einem muslimischen Morgengebet, einer jüdischen Hochzeit oder dem Schwenken des katholischen Weihrauchfasses, das seinen charakteristischen Duft bis weit in die Reihen verströmte.

Das Publikum wird auf eine weitere Weise mit in die Handlung des in der Zeit der Aufklärung entstandenen Stücks genommen: Die Schauspieler verlassen die Bühne in manchen Szenen Richtung Parkett und besteigen sie wieder vom Zuschauerraum aus, das Ende findet ebenfalls auf Augenhöhe mit dem Publikum vor der Bühne statt.

Mit ihrem engagierten Auftritt verhalfen die Schauspieler in dieser Inszenierung sowohl der poetischen wie der politischen Komponente zum Ausdruck.

Um gegenseitiges Verständnis geworben

Das Stück Gotthold Ephraim Lessing schrieb als Aufklärer der werdenden Nation bereits im 18. Jahrhundert über das noch heute aktuelle Thema „Der Mitmensch, das unbekannte Wesen“. In dem Stück „Nathan der Weise“ wirbt Lessing modern gesehen um gegenseitiges Verständnis, die Versöhnung der Religionen. Und das mit einem Stoff, der zur Zeit der Kreuzzüge im Multikulti-Zentrum des Mittelalters, in Jerusalem spielt. Es ist kein Historienstück, dennoch werden historische Zusammenhänge immer wieder einbezogen. rai