Emma rennt / Dirk Hülser  Uhr

Emma rennt. Emma rennt immer, wenn Henrik kommt. Und Emma rennt noch ein bisschen schneller, wenn Henrik das Eimerchen mit leckeren Körnern dabei hat. Dann flattert sie aufgeregt mit ihren schwarzen Flügeln, um möglichst als erste da zu sein, vor Renate, Bärbel, Heidi, Rita und den anderen Hühnern, die hier am Ortsrand von  Bezgenriet auf einer Streuobstwiese wohnen.

Emma weiß nicht, dass ihre Eier gerade jetzt vor Ostern heiß begehrt sind. Nur wegen eines Feiertags legt sie auch nicht mehr als sonst. Und dass es sonntags auch mal zwei sind, ist nicht mehr als ein Gerücht. Sicher ist aber eins: Dass die Hennen auf der Wiese von Henrik Mühlhäuser zuerst da waren, vor den Eiern. Der 20-Jährige lacht. Natürlich sei die Nachfrage nach den gesunden Protein-Lieferanten vor Ostern groß, aber: „Ich habe grundsätzlich eine große Nachfrage, ich könnte 50 Hennen haben.“

Doch seine Familie, sein Freundes- und Bekanntenkreis müssen sich mit den Eiern begnügen, die die zwölfköpfige Hühnerschar liefert. Und das sind mal fünf, mal sieben, mal neun am Tag. Die drei Junghennen, gerade vier Monate alt, legen noch nicht. Für den Herrn der Hühner ist jedenfalls klar: „Das sind top Haustiere. Man hat Eier.“ Dabei isst er selbst kaum welche, kein Wunder eigentlich, wenn sie ihm immer aus der Hand gerissen werden. Ob sie besser sind, als jene aus dem Supermarkt, kann er nicht mal sagen: „Ich kenne gar keine anderen, mein Großonkel hatte auch immer Hühner.“

Seit bald einem Jahr hat der Bez­genrieter das Federvieh nun. Warum eigentlich? „Einfach so. Ich hab’ Lust drauf gehabt.“ Sechs Hennen hat er einem fahrenden Händler abgekauft, die anderen auf dem Geflügelmarkt in Illertissen geholt. Nun tummelt sich also ein Dutzend Hühner auf der Wiese hinter dem Wohnhaus, in einem mit Elektrozaun abgegrenzten Bereich. „Abends habe ich hier schon den Fuchs gesehen“, begründet Mühlhäuser diese Vorsichtsmaßnahme. Wenn es dunkel wird, verschwinden Emma und ihre Artgenossinnen aber ohnehin schleunigst in ihrem mobilen Stall – einem alten Pferdeanhänger. Der bietet mehr als genug Platz für die Hennen, ist aber so klein, dass die Oma gar nicht auf die Idee kommen könnte, darin Motorrad zu fahren.

Ein Stall mit Rädern

Es trifft sich gut, dass dieser Hühnerstall Räder hat, so kann Henrik Mühlhäuser ihn immer wieder verstellen und einen neuen Bereich mit dem Zaun abgrenzen. Sonst hätte er binnen kurzer Zeit nur noch eine verwüstete Wiese. Schließlich verbringen die zwölf Hennen einen großen Teil des Tages mit Scharren und Picken, zwischendurch wollen sie aber auch mal baden. Im Staubbad. „Dazu graben sie sich überall Löcher“, erzählt Mühlhäuser und zeigt auf hühnergroße Kuhlen, bevorzugt an Bäumen. Dort wälzt sich das Federvieh herum, bis es voller staubiger Erde ist, um sich dann aufzuplustern und zu schütteln. So bekämpfen die Tiere lästige und gefährliche Milben, die sich im Federkleid versteckt haben.

Für den Laien sehen die Hennen alle ähnlich aus. Hühner halt. Nicht so für Henrik Mühlhäuser, der fünf verschiedene Rassen hält. „Blausperber, grau-braune Königsberger, Bovan, normale braune und italienische Legehühner“, zählt er auf. Klar, dass Emma keine der Italienerinnen ist. „Die heißen Francesca und Giulia“, sagt der Mann, der jeden Tag die Körner bringt. Vier Hühner heißen nach Mühlhäusers Urgroßmüttern: Frieda, Elisa, Anna und Theresia. Dann gibt es Heidi, sie war die schönste der ersten sechs Hennen, die auf die Streuobstwiese kamen. „Also Heidi Klum“, meint Mühlhäuser lachend. Und schließlich noch Renate, Bärbel, Agathe und Rita. Und natürlich Emma. „Sie ist die Chefin“, sagt der Chef.

Der Vater des jungen Hühnerbarons kommt über die Wiese gestapft, er will ein paar Eier haben. Zu spät, sei er, meint der Sohn, alle Eier sind schon längst anderen Leuten versprochen. Der Vater will es gar nicht glauben. Doch nur wenige Minuten später steht eine Bekannte am Zaun. Sie bekommt ein paar Eier. Dann kann Ostern ja jetzt kommen. Aber Emma, Heidi und all den anderen ist das egal. Sie legen deshalb auch keine bunten Eier.