Es war eine neue Tonlage im Konzert der Mahner: In der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Umwelt und Technik äußerten nicht nur mehrere Stadträte, sondern auch der Einzelhandelsexperte Gerhard Beck und Baubürgermeister Helmut Renftle Bedenken über die Zukunftsfähigkeit des größten Investitionsprojekts in Göppingen: In der Bleichstraße will die Kaufmannsfamilie Schenavsky das Einkaufszentrum „Agnes“ mit 23 000 Quadratmetern Fläche und 600 Parkplätzen bauen.

Noch ist nur eine Baugrube zu sehen

Die ersten Planungen sind mittlerweile fast ein Jahrzehnt alt, doch noch immer ist nur eine riesige Baugrube zu sehen. Die Stadträte treibt nun die Sorge um, dass angesichts des rasanten Wandels im Einkaufsverhalten der Menschen durch das Internet das „Agnes“ ein Fehlgriff wird und sich bald Leerstände auftun könnten. Bis auf Emil Frick (FWG), der die Investorenfamilie ausdrücklich gegen Einmischung in Schutz nahm, blitzte in den Wortmeldungen Kritik an der starren Haltung durch.

Schon in den Haushaltsberatungen waren die Bedenken öffentlich geworden. Baubürgermeister Helmut Renftle hatte daraufhin berichtet, es hätten bereits Gespräche zwischen Stadtverwaltung und Investoren stattgefunden, um einen möglichen Konzeptwechsel aufzuzeigen – doch vergebens. Er habe „keine Beweglichkeit gespürt“, die Pläne noch zu überdenken – und das obwohl die Stadt die Unterstüzung zugesagt habe. Kurz vor dem Jahreswechsel hatte Projektleiter Peter Lefeber gegenüber der NWZ klipp und klar ausrichten lassen, das „Agnes“ werde wie geplant und genehmigt als Einkaufszentrum gebaut. Der Baubürgermeister unterstrich nun noch einmal, dass ohne die Bereitschaft der Bauherren die Stadt keine Einflussmöglichkeit habe. „Das Projekt ist genehmigt und wir haben städtebauliche Verträge.“

Dennoch ließ die Vorstellung des neuen Göppinger „Zentrenkonzepts“ die Stadträte erneut nachhaken. Denn der Einzelhandelsexperte Gerhard Beck von der Marktforschungsfirma GMA hatte prognostiziert, dass sich die Ladengeschäfte in Göppingen auf die Hauptlagen wie Marktstraße, Hauptstraße, Lange Straße und angrenzende Gebiete konzentrieren werden. Aus den Nebenlagen würden Geschäfte verschwinden, es ergebe sich aber auch die Chance, dass Dienstleister einziehen oder Ladenflächen im Erdgeschoss sogar zum Wohnen umgebaut werden. Es gelte, beim Strukturwandel wachsam zu sein. Göppingen sei dabei aber vergleichsweise gut aufgestellt. Kleine Mittelzentren wie Geislingen hätten es dagegen „nicht geschafft, ihre Einzelhandelsstruktur anzupassen“, was als hoher Leerstandsbesatz ins Auge springe. Der Leerstand sei in Göppingen „noch überschaubar“.

Auf seine Einschätzung des „Agnes“-Konzepts angesprochen sagte Beck, er könne bestätigen, dass andere reine Einkaufstempel dieser Art mittlerweile Probleme hätten und oft umgebaut würden: mit mehr Freizeitflächen oder Gastronomie. Der Trend gehe zurück zum klassischen Geschäftshaus: unten Handel, darüber Dienstleistungen und oben Wohnungen, „wie vor 100 Jahren“.

Manche Stadträte wurden in der Ausschusssitzung noch deutlicher. Michael Freche (Piraten) prophezeihte beispielsweise: „Wenn das Agnes gebaut wird, wird es langfristig nicht überleben. Das Konzept ist einfach überholt. Das zeigen Beispiele aus anderen Städten.“

Das könnte dich auch interessieren:

Stadt hat hohe Anziehungskraft


Die Göppinger Zentralitätskennziffer ist so hoch wie nirgends sonst in der Region. Die Anziehungskraft für Kunden aus dem Umland ist enorm. Gerhard Beck räumte ein, dass die hohe Kennziffer zum Gutteil aufs Konto des Möbel-Riesen Rieger gehe.

Dennoch lobte nicht nur Beck den Göppinger Handel. Zwar hätten Kirchheim und Esslingen mittelalterliche Fachwerkgebäude. Für Göppingen gelte es, mit seiner Gestaltstruktur authentisch zu sein.

Rudi Bauer (FWG) blickte in die Zukunft Göppingens: „Wenn die vielen Baustellen zu sind, stehen wir doch super da.“