Göppingen Eine Zeitreise in die Geschichte

Göppingen / JAKOB KOTH 13.02.2012
Bei der ersten Erzählwerkstatt im neuen Jahr drehte sich alles um das Thema Ernährung und Gesundheit. Dabei kamen elf Göppinger Rentner und sechs Schüler der Hermann-Hesse-Realschule ins Gespräch.

Bei der Erzählwerkstatt im Bürgerhaus, die den Auftakt zu weiteren Veranstaltungen bildete, drehte sich alles um die Themen Gesundheit und Ernährung. Stadtarchivar Dr. Karl-Heinz Rueß führte mit einem informativen Vortrag über das Göppingen der Nachkriegszeit in das Thema ein. Rentner und Schüler folgten ihm aufmerksam. Im Anschluss forderte Christina Horn, Seniorenfachberaterin der Stadt Göppingen, Rentner und Schüler dazu auf, sich in zwei Gruppen zusammenzufinden, um in einer Diskussionsrunde Erfahrungen auszutauschen.

Die anfängliche Zurückhaltung weicht schnell einer angeregten Unterhaltung. "Das Projekt ist freiwillig und läuft im Rahmen des Geschichtsunterrichts", berichtet Moritz, ein Schüler der 10. Klasse. Die Rentner sind davon sichtlich begeistert. Danach geht es auch schon los. Ein Schüler will wissen, ob es früher wirklich so schlimm war, wie im Vortrag beschrieben. Die Rentnerin Marie Deger entgegnet: "Es war fast nichts zu essen da, obwohl wir das Gemüse selbst angebaut haben. Ich erinnere mich, dass ich für nur zwei Liter Milch von Göppingen nach Jebenhausen gelaufen bin." Andere stimmen zu: " Es wurde viel Wegstrecke für Lebensmittel zu Fuß zurückgelegt." Ein 90-Jähriger ist sich sicher: "Die Leute hätten damals über etwas Vergleichbares wie Hartz IV gejubelt."

"Nach dem Krieg hat man oft Nahrungsmittel verwendet, die heute als ungenießbar gelten würden", erinnert sich Deger. Kurz darauf will Daniel wissen: "Haben Sie damals auch Carepakete von den Amerikanern erhalten?" Die 83-jährige Dr. Renate Klemm, die damals das Mörike Gymnasium besuchte, erzählt: " Nein, daran kann ich mich nicht erinnern. Allerdings gab es bei uns die sogenannte Hooverspeisung. Zuerst wurden wir gewogen und danach wurde dann entschieden, ob wir etwas zu essen bekommen." Eine andere Seniorin wirft ein: "Manchmal hat man auch ein wenig Land von einem Bauern zu Verfügung gestellt bekommen, dass man wenigstens ein bisschen Gemüse anbauen konnte, das Mehl haben wir selbst hergestellt - aus Bucheckern." Moritz erkundigt sich: "Wie war das im Winter, wars da nicht noch schlimmer?" "Mit dem Essen kam man eigentlich zurecht, in der Schule war es aber bitterkalt. Einmal fror sogar die Tinte in meinem Füller ein", erzählt Klemm.

Die Schüler staunen nicht schlecht. Nun will Uhlig die Gegenseite hören: " Jetzt haben wir viel erzählt, aber was ist eure Meinung zu dem Ganzen?" "Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, da wir zu Hause immer genug zu essen haben", sagt Moritz. Rentner Uhlig lacht: "Nehmt es mir nicht übel, aber ihr lebt heute wie Gott in Frankreich. Früher hat man das Essen viel mehr geschätzt, wir leben in einer Überflussgesellschaft." Der Meinung sind offenbar auch die Schüler. Sie nicken verständnisvoll.

Bei all der Ernsthaftigkeit ist dennoch Platz für Humor: Als Uhlig beteuert, dass früher der Spargel viel aromatischer geschmeckt habe, entgegnet Klemm: "Das liegt wohl eher an den Geschmacksnerven die im Alter nachlassen."