Joas Notizen aus der Provinz Eine Stadt greift durch

© Foto: privat
Joa Schmid 14.04.2018

Wir, die wir  uns an die permanente Unsicherheit in der großen weiten Welt längst gewöhnt haben, freuen uns, dass bei uns in der ungemein sympathischen Stadt am Fuße des Hohenstaufens das Wort Sicherheit größer geschrieben wird als irgendwo sonst auf der Welt. Das fing schon mit der Stadtmauer an, deren Überreste mit steter Regelmäßigkeit  heute noch ausgegraben werden. Später verließ sich die Stadt – so erzählen es die Alt-68er unter uns  – dann rein auf Abschreckung. Das  Sicherheitskonzept sah vor, die Stadt einfach so hässlich, langweilig und spießig erscheinen zu lassen, dass Bösewichte jedweder Art gleich einen großen Bogen darum machten.  Im Übrigen konnte damals nach 22 Uhr sowieso keiner mehr laufen, weil die Fußgängerwege hochgeklappt waren. 

Doch seit die Stadt ihre (Neue) Mitte gefunden hat und die pure Lust am Leben in jede Pore des Stadtkörpers eingezogen ist, will das nicht mehr so recht funktionieren.  Das Böse ist immer und überall und lässt sich nicht einmal mehr von hochgeklappten Gehsteigen abhalten. Apropos: Der langweiligste aller langweiligen Fußgängerüberwege – nennen wir ihn wie ihn der Sieger eines Namensgebungs-Wettbewerbs einst genannt hat einfach Bahnhofssteg –  ist gleichzeitig der unsicherste, weswegen die Stadt die Reihe ihrer originellen Sicherheitsmaßnahmen noch getoppt hat und dort ein Wachhäusle errichten ließ. Dem Vernehmen nach soll allein der Anblick des Häuschens Vandalen und Müllsünder in Scharen in die Flucht geschlagen haben, weswegen jetzt auf dem Steg erst einmal Ruhe herrscht. Die Kosten will die Stadtverwaltung mit einem der dort in den Morgenstunden regelmäßig stattfinden Agenten-Austausche wieder hereinholen, weswegen das Häuschen unter Insidern auch Checkpoint Charlie  genannt wird. Angeblich soll es einer Lach- und Schießgesellschaft als Aufenthaltsraum dienen, was jedoch – wie so vieles in Göppingen – nicht sicher ist. 

So ganz scheint die Stadt mit ihrem Konzept noch nicht zufrieden zu sein, setzt  sie doch nicht weit entfernt – auf dem neuen Bahnhofsvorplatz – auf alte asiatische Sicherheitstechniken, um die sich schleichend vermehrenden Bösewichte ein für allemal los zu werden. Gerüchten zufolge will die Stadt dort sogenannte japanische Schnurbäume pflanzen, welche als schlimmste aller schlimmen japanischen Geheimwaffen gelten. Deren  Fruchtschalen  sollen laut Wikipedia  stark giftig sein. Eine subkutane Injektion des Extraktes wirke tödlich auf Frosch, Eidechse und weiße Maus. Wenn unsere Stadtoberen einmal sauer sind, dann kennen sie einfach keine Gnade.