Porträt Eine Frau mit Risikofreude

Göppingen / Von Margit Haas 29.06.2018

Claudia Liebenau-Meyer hat sich der Erforschung der Stadtgeschichte verschrieben. Und dabei vor allem die wenigen Frauen in den Blick genommen, die von sich reden machten – wie die Unternehmerin Friederike Wackler. „Fallen Frau Wackler und ihre Erfolge als Fuhrunternehmerin aus dem Rahmen?“, fragte sie sich bei ihren Forschungen. „Ist sie einmalig in der Geschichte der Unternehmen?“ Die Antwort gibt sie selber: „Nein, Untersuchungen zeigten, dass bei Unternehmenserbinnen der Gegensatz zwischen weiblichem Rollenklischee und männlichen Unternehmereigenschaften aufgehoben wurde. Wenn eine Frau erfolgreich war, so lastete man ihr die Rollenentgleisung nicht an“, so das Fazit der Forscherin.

Wichtig sei „bei aller Ideologie doch immer die Macht des Geldes“ gewesen. „Wenn die Frau die Steuergelder in die Kasse bringen konnte, wurde und wird über manches hinweg gesehen“, so die persönliche Einschätzung der Historikerin. Gleichwohl ist die Leistung von Friederike Wackler nicht hoch genug einzuschätzen in einer Zeit, in der Frauen nicht einmal Verträge unterschreiben durften und als höhere Töchter ganz sicher andere Umgangsformen pflegten wie die Fuhrleute.

Ihr Vater Christian Viktor Lutz hatte in ihrem Geburtsjahr 1846 das Unternehmen „Stuttgarter Boten“ übernommen. Mit einem Pferdegespann transportierte er nicht nur Personen zwischen Göppingen und Stuttgart, sondern bald auch Güter innerhalb des Stadtgebiets. Denn er hatte erkannt, dass die Eisenbahn eine ernstzunehmende Konkurrenz in der Personenbeförderung darstellen wird. Jetzt also beförderte er die Güter von der Bahn zu den „Herrn Fabricanten und Geschäftsleuten in Göppingen und Umgebung“. Das Geschäft lief gut, und so konnte er 1867 seinen frischgebackenen Schwiegersohn in die Firma aufnehmen. Ludwig oder Louis Wackler und Friederike hatten im Juli des Jahres geheiratet.

Schnell wurde der Firmensitz in der Kirchstraße zu klein, das Geschäft in die Nähe des Bahnhofes verlegt. Mittlerweile beschäftigte Wackler 20 Mitarbeiter und hatte von der königlich-württembergischen Staatseisenbahn die Lizenz bekommen, als alleiniger amtlicher Güterbeförderer tätig zu sein. 1880 verstarb Friederikes Vater. Ihr Mann ließ jetzt auch Überlandtransporte durchführen und stieg 1885 ins Möbeltransportgeschäft ein. Dann starb völlig überraschend Louis Wackler im Juni 1891. „Friederike, Witwe mit 45 Jahren, Mutter von vier Kindern im Alter von 13 bis 22 Jahren, besaß eine Firma von beträchtlichem Vermögen. Und sie übernahm die Geschäftsführung.“ Das war ungewöhnlich. „Galten doch Frauen als gar nicht geschäftsfähig“, erinnert Claudia Liebenau-Meyer.

Aber Friederike hatte wohl schon ihrem Vater und dann ihrem Mann geholfen und so sich „empirisch-praktische Kenntnisse erworben. Der Umgang mit den Kunden, die Organisation des Fuhrbetriebs waren ihr sicherlich bekannt.“ Und da es sich nicht um einen Handwerksbetrieb, sondern um ein Dienstleistungsunternehmen handelte, musste sie keine alten Handwerkstraditionen überwinden.

Auch ein anderes Erbrecht kam ihr entgegen. Sie konnte einen „Aufschub der Teilung“ für ihre Kinder beantragen. Ihr wurde „das Verwaltungs- und Veräußerungsrecht am gemeinschaftlichen Vermögen eingeräumt“. Das bedeutete, Friederike Wackler wurde ausdrücklich die verantwortliche Aufgabe zugetragen, die Firma als eine Art Handelsgesellschaft weiterzuführen. „Sie wurde alleinige Geschäftsführerin.“ Im März 1893 wurde die Firma unter dem Namen „L. Wackler Witwe“ als Speditionsgeschäft ins Handelsregister eingetragen. „Wie hat sie ihre Aufgaben bewältigt, den Gang durch den Betrieb, die Anweisungen an die Fuhrknechte? Konnte sie ihr Auftreten und ihr Handeln mit dem Frauenbild vereinbaren?“, fragt sich die Historikerin. Galt die Frau doch als „Repräsentantin der Sitte, der Liebe, der Scham, des unmittelbaren Gefühls“, sollte „nach Schicklichkeit, Anmut und Schönheit“ streben. Friederike Wackler muss sich diesen Idealvorstellungen von der Frau widersetzt haben. „Stattdessen muss sie solche männlichen Unternehmereigenschaften wie Risikofreude und Führungsqualität besessen haben, sonst hätte sich das Geschäftsvolumen der Firma L. Wackler Witwe nicht vergrößert“, ist die Forscherin sicher. „Sie war für Innovationen aufgeschlossen.“ Als 1894 die ersten 64 Telefonanschlüsse in Göppingen gelegt wurden, „war sie dabei und bekam die Rufnummer 62“.

Kurz vor der Jahrhundertwende stellte sie den jungen Kaufmann Carl Friedrich Jäger aus Stuttgart ein. „Er musste sich an ihrer Seite bewähren, dann stieg er 1909 zum Geschäftsführer auf“, sagt Claudia Liebenau-Meyer. Mit 66 Jahren, im Jahr 1912, verkaufte sie den Betrieb an Jäger, der sich mit zwei erfahrenen Geschäftspartnern zusammentat, den Gebrüdern Schwarz. Weshalb sie ihren Kindern keine Verantwortung übertrug – auch darüber schweigen die Quellen. 1933, mit 87 Jahren, verstarb Friederike Wackler als hoch geachtete Frau.

Info Im Friederike-Wackler-Museum in der Davidstraße 41 lassen sich der Lebensweg der Unternehmerin und die Geschichte des Unternehmens seit dem Kauf durch die Familie Schwarz nachvollziehen. Führungen unter hallo@friederike-wackler-museum.de oder Telefon (0171) 753 47 28.

Porträtreihe über starke Frauen im Landkreis

Jubiläum In diesem Jahr feiert der Landkreis seinen 80. Geburtstag, zudem wird das Frauenwahlrecht 100 Jahre alt. Die NWZ veröffentlicht aus diesem Anlass die Porträtreihe „Starke Frauen“, die im Landkreis als „Heldinnen des Alltags“ oft im Verborgenen Großartiges leisten. Ob die Pflege von Angehörigen, herausragende Leistungen als Unternehmerin, Künstlerin und Sportlerin oder Engagement im Ehrenamt – die Serie zeigt Frauen und ihre Arbeit.

Bisher wurden Ilse Birzele, Barbara Küpper, Susanne Weißkopf, Caroline Märklin, Lena Urbaniak, Claudia A. Schlürmann, Angeline Fischer, Margret Hofheinz-­Döring, Marga Lorch, ­Renate ­Mutschler, Birgit Göser, ­Gabriele  von  Trauchburg, Claudia Leber, Helene Mühlhäuser, Emilie Eisele, Pia Schäfer-Mayer, Margret Keller-Rehm, Marianne Rasch, Melanie Schulze, Sandra Skutta, Elnora Hummel und Elisabeth Sigmund vorgestellt.

Kooperation Die Serie erscheint in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten des Kreises, Lidwine Reustle, dem Kreisfrauenrat und der Geislinger Zeitung. Die Porträts erscheinen in loser Folge.

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