Sammlung Ein Sinn für Sand und Steine

Göppingen / Susann Schönfelder 09.04.2018

Im Wohnzimmer von Christa und Günter Großmann kommt Urlaubsstimmung auf. Die Wand zieren Schwarzweiß-Fotos von Booten, überall sind Vogelfedern zu sehen, auf dem Schrank stehen Modell-Segelschiffe. Eigene Basteleien, beispielsweise eine blaue Flasche, beklebt mit Sand und Muscheln, dienen als Deko. Und es gibt Sand. Jede Menge Sand. „Ungefähr 150 verschiedene Arten“, sagt Christa Großmann stolz. Sie stehen in zwei Vitrinen, abgefüllt in kleine Gläser und beschriftet.

Die 70-Jährige und ihr Mann, den sie mit ihrer Leidenschaft angesteckt hat, bringen nahezu aus jedem Urlaub etwas mit – von ihren Reisen nach Belgien oder in die Niederlande, an die Nord- und Ostsee, nach Italien, Spanien und Griechenland. Bekannte und Freunde steuern dann weitere „Funde“ bei. Und so nennen die Göppinger jede Menge Sand aus der ganzen Welt ihr eigen: aus Sizilien und Kalifornien, Nordafrika und Jordanien, Mauritius und Ägypten, Brasilien und Schottland, Frankreich und Thailand, Mexiko und Bahrain, Ecuador und Tel Aviv, Hongkong und Peru, Ghana und Venezuela, China und Dubai. Und und und.

„Ich habe die letzten Jahre meines Berufslebens an der Kasse bei einer Bank gearbeitet. Da wusste ich immer, wohin die Kunden reisen, wenn sie eine ausländische Währung wollten“, erzählt Günter Großmann. „Und dann habe ich sie gleich gefragt, ob sie Sand mitbringen“, fügt der 64-Jährige schmunzelnd hinzu. Vom Zoll sei bisher noch niemand erwischt worden. meint er augenzwinkernd. So sei im Laufe der Zeit diese ansehnliche Sammlung zusammengekommen.

Christa Großmann steckt die Sammelleidenschaft buchstäblich im Blut. Ihr Vater hatte ein Faible für Schieferplatten und Steine, einige Stücke seiner Sammlung sind jetzt im Besitz der Tochter. Ein versteinerter Mammutzahn zum Beispiel, „den hab ich lackiert, weil er so bröckelig war“, erklärt die Rentnerin. Christa Großmann scheint in jeder Ecke der Wohnung irgendetwas zu finden. „Hühnergötter habe ich auch“, sagt sie und zeigt auf die Wand, an der die Steine mit dem natürlich entstandenen Loch wie eine Perlenkette aufgereiht hängen. Mit Bernsteinen habe sie jedoch kein großes Glück gehabt, „da habe ich nur kleine Körnchen gefunden“.

Die zierliche Frau bleibt keine zwei Minuten auf ihrem Stuhl sitzen. „Hier habe ich noch was“, sagt sie und zeigt Sandrosen aus Nordafrika, filigran, wie ein Kunstwerk, das man sich nicht anzufassen traut. Zwei hellgelbe Steine mit einem eingeschlossenen, weißen Ei geben ihr jedoch Rätsel auf. „Vielleicht muss ich da mal einen Geologen fragen“, sagt sie mehr zu sich selbst. „Mein Vater hat viel gewusst über Steine“, fügt sie leise hinzu und holt schon wieder das nächste Prachtexemplar: ein Steinherz vom Forggensee. Und dann noch versteinerte Tintenfischarme, die sie ausgrub, als die B10-Ortsumfahrung Eislingen gebaut wurde.

Wenn Christa und Günter Großmann über ihre Leidenschaft sprechen, sind sie kaum zu bremsen. Begonnen habe alles im Jahr 1992 bei ihrem ersten gemeinsamen Urlaub auf Borkum. „Da habe ich eine Sandsammlung in einem Museum gesehen, das hat mich fasziniert“, erinnert sich die 70-Jährige. „Die verschiedenen Farben, die verschiedene Körnung“, gerät sie ins Schwärmen. In der Tat schimmern auch ihre Sande rot, schwarz, weiß, gelb und braun, sind fein gemahlen oder geradezu steinig. „In manchen Gläsern sind zwei oder drei verschiedene Sorten drin, da hatte ich kein anderes Glas parat“, meint Christa Großmann entschuldigend. Aber genau in diesen Gläsern sieht man, wie unterschiedlich Sand sein kann.

Die Göppingerin liest alles über Sand und Steine, was sie in die Finger bekommt. Und erfährt so auch, wo sich die Suche lohnt. Ihr Urlaubsziel suchen sie aber nicht nach diesem Kriterium aus, unterstreicht ihr Mann, soweit gehe das Hobby dann doch nicht. Christa Großmann hat schon wieder den Raum verlassen und kommt mit einer Lampe aus Nepal zurück: „Die habe ich auch“, sagt sie lachend und berichtet nebenbei, dass sie zwei Mal im Jahr ihre Schätze komplett abstauben muss: „Aber das ist für mich keine Mühe.“

Das eine oder andere Stück rutscht dann doch in die umfangreiche Sammlung, aber der Sand hat es dem Ehepaar am meisten angetan. Und ab und an eben Steine. „Die muss ich immer schleppen“, meint Günter Großmann und schaut seine Frau liebevoll an. Die beiden teilen ihr Hobby – genauso wie die Musik. Er ist Vorsitzender des Sängerkranzes Faurndau, sie Schriftführerin. „Das Singen nimmt uns schon in Anspruch“, sagt der 64-Jährige. Zumal derzeit der 150. Geburtstag im Juni vorbereitet werden muss.

Und dann sind ja noch die Ausflüge. „Nach Holzmaden könnte ich jede Woche fahren“, sagt Christa Großmann und lacht herzlich. Aber auch an der Fils habe sie schon schöne Steine gefunden. Manchmal liegt das Gute aber nicht direkt vor der Haustür. Einer ihrer größten Schätze ist ein versteinerter Haifischzahn, schwarzschimmernd und blank poliert. „Der wurde mir in Knokke am Strand vor die Füße gespült“, erzählt sie. „Zusammen mit Grünzeug.“ Ist dieser Fund denn noch zu toppen? Christa und Günter Großmann überlegen kurz: „Sand aus Alaska oder dem Himalaya fehlt noch. Das wäre schön, wenn man das noch hätte. Und Tibet wäre ein Traum.“

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