Führung Ein Schatzkästlein zum Mythos Apfel

Der Mythos Apfel begegnete den Gästen auch kulinarisch auf dem Teller mit „Himmel und Ärd“, einem Gericht aus dem Rheinland, in der Berggaststätte auf dem Hohenstaufen.
Der Mythos Apfel begegnete den Gästen auch kulinarisch auf dem Teller mit „Himmel und Ärd“, einem Gericht aus dem Rheinland, in der Berggaststätte auf dem Hohenstaufen. © Foto: Patricia Jeanette Moser
Hohenstaufen / Patricia Jeanette Moser 08.09.2018

Der Abend öffnete ein Schatzkästlein, in dem es auch nach der Veranstaltung noch zu stöbern gilt“, so äußerte sich ein Teilnehmer des „Sommers der Verführungen“ (SdV) an dem Abend, der sich um den Mythos Apfel drehte. Am  Dokumentationsraum für staufische Geschichte in Hohenstaufen empfing Gastgeber Andreas Schweickert, Geschäftsführer von Saltico management und marketing GmbH, seine Gäste. Wanderfreudig stiegen die Gäste hinauf zum Gipfel des Hohenstaufen und wurden dort von der strahlenden Autorin Vera Zingsem begrüßt.

Die Gäste verbrachten den Abend fortan räumlich zwischen „Himmel und Erde“ in der gleichnamigen Berggaststätte auf dem Hohenstaufen. Die milde Witterung erlaubte den ganzen Abend lang einen Verbleib im Freien. Einen interessanten und lehrreichen Abend versprach Gastgeber Andreas Schweickert zu Beginn, und genauso entwickelte er sich auch. Die Verführungsgäste genossen  zunächst das rheinländische Gericht „Himmel und Ärd“, Kartoffelstampf, Apfelmus und Blutwurst, im Rheinland „Flönz“ genannt. Diese Wurst wurde eigens vom Rheinland importiert, wie der Gastgeber verriet. Ein späteres Dessert beinhaltete Apfelküchle und Vanillesoße und mundete genauso wie der Hauptgang.

Dazwischen sorgte die „geistige Nahrung“ von Autorin Vera Zingsem aus Tübingen für großen „Appetit“ bei den Gästen. Dazu gesellte sich die Gruppe unter die alten Linden, zwischen altes Gemäuer auf dem Hohenstaufen-Plateau. In spannender und stimmungsvoller Atmosphäre erfuhren die Verführungsgäste viel Neues zum Thema Apfel im Märchen. Vera Zingsem bewegte sich dabei vorwiegend in den germanischen Göttermythen und stellte diese zeitweise den griechischen Mythen gegenüber.

Ein unglaublicher Wissensschatz der Autorin öffnete sich ihrem Publikum. Die germanischen Göttinnen Freya und Holle stehen nach ihren Ausführungen in engem Zusammenhang mit dem Apfel und der Liebe. In der griechischen Mythologie sind es die Göttinnen Hera (Mutter) und Gaia (Tochter) und der Garten der Hesperiden, wo die Äpfel der Unsterblichkeit wachsen. Der Apfel wird aufgrund seiner Farben auch als Sonnensymbol betrachtet. Die roten Bäckchen stehen für den Sonnenaufgang, die gelbe Farbe für die Mittagszeit.

Die Empfehlung, täglich einen Apfel zu essen, entstammt dem englischen Sprichwort „An apple a day, keeps the doctor away“ (Ein Apfel am Tag hält den Doktor fern). Als Gesundbrunnen gilt der Apfel seit langer Zeit, weil er durch die Sonne genährt ist, so die Ausführungen der Dozentin. Seine symbolische Kraft entfaltet der Apfel demnach auch an Weihnachten, wenn er zur Dekoration in den Weihnachtsbaum gehängt wird. Die große Göttin Iduna wurde ferner erwähnt, sie hatte eine Plantage voller goldener Äpfel. Sie teilte gerne, im Gegensatz zu den griechischen Göttinnen. Iduna ist dem Mythos nach die Göttin des Frühlings. Passenderweise dichtete ihr Gatte Bragi Frühlingslieder.

Eine mystische Stimmung durfte am Verführungsabend aufkommen anhand solcher Geschichten in Begleitung der untergehenden Sonne über dem Filstal. Während Odin und Loki noch Erwähnung fanden und vom Falkengewand die Rede war, fand das Abendrot seinen Höhepunkt. Göttin Iduna verwandelte sich mittlerweile in eine Nuss. Die Symbolik für den Rückzug unter die Erde wurde unmittelbar und vorstellbar. Göttin Holle, die vielen als Frau Holle bekannt ist, wurde ebenfalls vorgestellt. „Frau und Göttin“ haben in der Mythologie die gleiche Bedeutung, so erklärte die Autorin. Die Göttin Holle war im Venusberg zu Hause und gilt auch als die Göttin des Korns. Bei ihr dreht sich alles ums Essen und Trinken. Den Mai beschreibt Vera Zingsem in diesem Zusammenhang stimmungsvoll als „die Zeit, wenn die Bäume Hochzeit feiern“.

Darüber hinaus erfahren die Gäste, dass der Apfel ein Rosengewächs ist und wie die Rose fünf Blätter hat. Auch hier stellt die Mythologie die Verbindung zur Liebe her und macht Holle zur Göttin der Liebe. Sie hat den Apfel und den Apfelwein kultiviert. Orte mit dem Namen Weingarten gibt es viele in Deutschland, so erfuhren die Besucher mittlerweile in dunkler Nacht stehend. Dies gehe auf Holle zurück, die nach ihrer Anwesenheit Rosenduft hinterlässt. Vera Zingsem konnte viele schöne Geschichten erzählen, manches nur anreißen, anhand der bestehenden Vielfalt.

Interesse an mehr hat sie bei ihren Zuhörern geweckt, die sich in entsprechende Literatur vertiefen wollen, so die einzelnen Aussagen. Erstaunen erweckte sie mit der Tatsache, dass in den germanischen Mythen das Gute und das Leben aus der Erde komme und nicht vom Himmel, wie es später in der Bibel beschrieben ist. Die alten Germanen, wie auch andere Naturvölker,  schöpften Kraft und Urvertrauen aus der Natur und entwickelten daraus ihren reichen Geschichtenschatz.

Eine letzte Geschichte von goldenen Äpfeln lud die Zuhörer dann zum Apfel-Dessert auf die Terrasse der Berggaststätte „Himmel und Erde“ ein. Eine wohltuende Abendstimmung veranlasste die Verführungsgäste, noch länger zu bleiben, bevor sie mit Hilfe der Taschenlampe zu Fuß den Berg wieder hinab wanderten.

Info Auf der Seite www.sommer-der-verfuehrungen.de/programmheft-2018 kann das Programm des Sommers der Verführung im Internet abgerufen werden.

Theologin und Mythenforscherin

Person Die Autorin Vera Zingsem ist Diplom­-Theologin, Mythenforscherin- und erzählerin, freie Autorin, Dozentin (FH) und Tanzpädagogin. Sie hat zahlreiche Bücher geschrieben und kann für Vorträge gebucht werden. Kontakt: verazingsem.@gmx.de

Veranstaltungen Den Veranstaltungskalender der Berggaststätte „Himmel und Erde“ gibt’s unter www.berg-hohenstaufen.de

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