Göppingen Ein LEITARTIKEL von Arnd Woletz:

Göppingen / ARND WOLETZ 28.01.2017

Pietät und Würde. Das sind die die von den Göppinger Lokalpolitikern häufig gebrauchten Vokabeln in der fast vierjährigen Hängepartie um das Krematorium. Im Gemeinderat gab es immer eine Mehrheit dafür, dass die Stadt Göppingen wieder eine solche Einrichtung braucht, wie sie es mehr als 100 Jahre lang hatte. Der Anteil der Feuerbestattungen steigt stetig. Insofern ist es gut, dass nun Klarheit herrscht: Ein Neubau muss her. Ein Privatunternehmer soll das übernehmen.

Bei Stadträten und Bürgern bleiben aber sehr viele Fragezeichen. Jahre vergingen, in denen die Stadt den Neubau eines kommunal betriebenen Krematoriums vorbereitete. Aber warum haben die Juristen im Rathaus nicht zuerst die Rechtslage geprüft? Sie haben den Paragraphen ja schon gekannt, der Einäscherungen in städtischer Regie jetzt offenbar unmöglich macht. Die Öffentlichkeit hätte von Anfang an klipp und klar erfahren müssen, dass aus Juristensicht ein Krematorium nicht zur Daseinsvorsorge einer Stadt gehört. Dann hätte man sich ein schier endloses Ringen ersparen und zügig einen Investor suchen können. Stattdessen verstrich viel Zeit, obwohl die Stadträte immer wieder nachhakten und mehr Tempo forderten.

Offen ist auch die Frage, ob es überhaupt so weit hätte kommen müssen, dass das Krematorium Knall auf Fall geschlossen wurde. Die Verhältnisse in den Katakomben der Aussegnungshalle, die die Stadt nun für untragbar hält, waren ja längst bekannt. Hätte man handeln können, bevor ein Zwischenfall zur Stilllegung zwingt? Und warum hat nie jemand thematisiert, dass mit der faktischen Stilllegung auch der Bestandsschutz passé ist?

In der Zwischenzeit mussten die örtlichen Bestatter längst auf teils weit entfernt liegende Orte ausweichen, um Einäscherungen vorzunehmen. Oft werden dort auch die ominösen Handgelder für jede Leiche gezahlt. Für viele Menschen ist dieser Gedanke unangenehm.

Nun bleibt eine Öffentlichkeit zurück, die lernen musste, dass Pietät das eine ist, ein Krematorium aber als schnöder Wirtschaftsbetrieb gilt. Die Bürger registrieren kopfschüttelnd, dass die Stadt nach knapp vier Jahren noch fast am Anfang steht. Denn bis zum Baubeginn ist es immer noch weit.

Die Stadtverwaltung hat schon Kredit verspielt. Sie sollte nun alles daran setzen, im Interesse der Bürger weitere Stolperfallen möglichst schnell aus dem Weg zu räumen.

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