Göppingen Ein Leben zwischen Trauer und Ablenkung

Birgit Göser (li.) vom ambulanten Hospizdienst im Gespräch mit ­einer Teilnehmerin beim Trauerwandern.
Birgit Göser (li.) vom ambulanten Hospizdienst im Gespräch mit ­einer Teilnehmerin beim Trauerwandern. © Foto: Hospizdienst
Göppingen / Susann Schönfelder 21.08.2018
Der Schmerz sitzt noch tief: Vor eineinhalb Jahren hat Rosemarie Jirouschek ihren Mann verloren. Die Hospizdienste waren und sind ihr eine große Stütze.

Mein Mann war meistens gut drauf. Stets hilfsbereit. Wir konnten über alles reden. Das ist am Ende auch das, was fehlt“, sagt Rosemarie Jirouschek. Dann muss sie kurz innehalten, Tränen schießen ihr in die Augen. „Ich war vorbereitet, aber der Schlag kommt trotzdem“, erzählt sie weiter. Am 30. Dezember 2016 starb ihr geliebter Mann an Krebs, eineinhalb Jahre nach der Diagnose. „Schon ein Jahr vor seinem Tod wollte er nicht mehr und hat dem Tod sehr bewusst entgegen geschaut“, erinnert sich die 81-Jährige. Und er hat immer gesagt: „Du schaffst das.“

Irgendwie hat es Rosemarie Jirouschek auch geschafft. Während der schweren Krankheit für ihren Mann da zu sein, die Beerdigung zu organisieren, zu trauern, den Alltag alleine zu meistern. „Es gibt eben Sachen im Leben, da muss man durch“, sagt sie. Die Göppingerin hat für sich einen Weg aus ganz bewusstem Trauern und Ablenkung gefunden. Regelmäßig nimmt sie am Trauerwandern des ambulanten Hospizdienstes im Kreis Göppingen teil. „Das bringt so viel“, unterstreicht sie.

Sprechen über den Verlust

Alleine laufe sie diese Wege, beispielsweise zur Kuchalb oder auf den Wasserberg, nicht mehr, „da habe ich ein ungutes Gefühl“. Zudem sei es in der Gruppe viel schöner, man komme mit den rund zwölf anderen Wanderern und den Trauerbegleitern ins Gespräch, spreche über den eigenen Verlust, aber auch über ganz normale Alltagsprobleme. „Ich bin früher sehr viel mit meinem Mann gewandert“, erinnert sie sich. Ein Grund mehr, beim Trauerwandern mitzumachen und an diese „60 gemeinsamen, glücklichen und zufriedenen Jahre“ zu denken. Außerdem mag sie die Bewegung. „Sie sind die älteste Teilnehmerin und sind immer vorne dran“, wirft Birgit Göser, Leitende Koordinatorin des Vereins „Hospizbewegung Kreis Göppingen – Ambulante Dienste für Erwachsene“ ein.

Den Verlust aufzuarbeiten, mit anderen Betroffenen ins Gespräch zu kommen und begleitet zu werden, war auch der Grund, warum sie sich für eine geschlossene Trauergruppe angemeldet hat, die ab Oktober einmal in der Woche stattfindet. „Aber man sollte sich nicht zu sehr reinvertiefen“, meint sie. „Zu viel mit Trauernden zusammen zu sein, ist auch nicht gut. Man will ja drü­ber wegkommen“, sagt die 81-Jährige. Ablenkung sei für sie daher ein gutes Rezept, am besten bei der Gartenarbeit: „Da bin ich in diesem Jahr gut beschäftigt. Das Unkraut sprießt, trotz der Trockenheit.“

Ihre lange, glückliche Ehe ist trotzdem präsent, lässt sich nicht einfach wegwischen. „Ich habe viele liebe Gedanken an meinen Mann, das hilft auch“, sagt Rosemarie Jirouschek leise. Für ihn hat sie sich während der Krankheit völlig verausgabt, sodass sich ihre zwei Kinder und die beiden Enkel auch um sie sorgten. „Ich würde es aber immer wieder so machen“, meint sie rückblickend. Auch wenn sie beim Einkaufen stets in Eile war, weil sie so schnell wie möglich wieder nach Hause zu ihrem kranken Mann wollte.

Hin und wieder hat sie in dieser schweren Zeit den ambulanten Hospizdienst um Hilfe gebeten. Die Ehrenamtlichen seien „sehr einfühlsam und verständnisvoll“ gewesen, sagt die Seniorin. „Sie haben meinem Mann und mir geholfen. Es war einfach gut zu wissen, dass es im Hintergrund jemanden gibt.“ Die letzten neun Tage seines Lebens verbrachte ihr damals 91-jähriger Mann im stationären Hospiz in Faurndau. „Er war damit einverstanden“, sagt sie leise.

Dankbar für Unterstützung

Nun kämpft sich die Göppingerin seit nunmehr eineinhalb Jahren ohne ihn durchs Leben. „Man ist als Frau alleine weniger wert“, hat sie erfahren. Manche Bekanntschaft verlaufe sich, Gespräche seien schwieriger. „Man muss einfach stärker sein“, sagt sie und spricht im gleichen Atemzug ihre Dankbarkeit dafür aus, dass ihre Kinder eine große Stütze sind. Gute Bekannte helfen ihr auch, genauso wie regelmäßige Besuche auf dem Friedhof, wo sie ihrem Mann nah sein kann. Und nicht zuletzt das Hospiz in Faurndau, wo stationäre und ambulante Hilfe unter einem Dach vereint sind: „Man kann immer kommen“, sagt Rosemarie Jirouschek und fügt in Richtung von Birgit Göser hinzu: „Ich bin schon froh, dass es Euch gibt.“

Die 81-Jährige macht trotz der Trauer einen ausgeglichenen Eindruck. „Sie ist für andere Trauernde eine Stütze und auch ein Vorbild“, glaubt Birgit Göser. Vor allem, weil sie als Witwe Vieles selbst in die Hand nimmt. Die Seniorin zuckt mit den Schultern: „Ich nehme es, wie’s kommt und versuche, es selbst zu machen. Und wenn es nicht geht, rufe ich eben einen Handwerker an“, sieht sie die Dinge pragmatisch. Natürlich werde sie traurig, wenn sie den Schrank ausmistet und Skikleidung ihres Mannes findet. Aber in die Trauer mischt sich Dankbarkeit über die 60 gemeinsamen, glücklichen Jahre mit ihrem Mann, „das gibt auch Kraft“. Wünsche für die Zukunft habe sie nicht viele: „Nur, gesund und fit zu bleiben, alles andere habe ich.“ Und sie lebe nach dem Motto ihres Mannes: „Alles gleich machen, nichts aufschieben.“

Gottesdienst für Menschen in Trauer

Gedenken Der Verein „Hospizbewegung Kreis Göppingen – Ambulante Dienste für Erwachsene“ lädt am Freitag, 19. Oktober, um 19 Uhr zu einem liturgisch-besinnlichen Abendgottesdienst mit meditativen Texten und Musik. Der Gottesdienst für Menschen in Trauer steht unter dem Thema: „Zeit zum Gedenken – nicht allein gelassen“ und findet in der evangelischen Stiftskirche in Faurndau statt. Mitwirkende sind die evangelische Pfarrerin Johanna Raumer, der katholische Klinikseelsorger und Pfarrer Christian Brencher, Teammitarbeiter der Trauerarbeit und Gerald Buß (musikalische Begleitung).

Trauergruppe Eine Gruppe für Trauernde startet am 8. Oktober. Die Teilnehmer treffen sich bis zum 26. November jeweils montags von 18.30 bis etwa 20.15 Uhr im Pavillon der evangelischen Stadtkirche in Göppingen. Die Teilnahme ist kostenfrei und weltanschaulich ungebunden. Für nähere Informationen und Anmeldung (bis spätestens 28. September) steht Birgit Göser vom Ambulanten Hospizdienst zur Verfügung, Tel. (07161) 98619-50) oder per E-Mail unter info@hospizbewegung-goeppingen.de

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel