Klassik Ein lang nachklingendes Erlebnis

Janina Gerl zog das Publikum in ihren Bann.
Janina Gerl zog das Publikum in ihren Bann. © Foto: Bettina Steinbacher
Bad Boll / Ulrich Kernen 16.05.2017

Wunderbare „italienische Reise“. Unter diesem Motto stand der Klavierabend von Jamina Gerl im Königlichen Festsaal des Kurhauses Bad Boll. Die ausgewählten Werke beleuchteten zahlreiche Aspekte des Themas und fügten sich zu einem Gesamtkunstwerk zusammen.

Wunderbar beseelt

Das gelang umso überzeugender, weil die Künstlerin jedem Werk ein eigenes Kolorit zu geben verstand und ihrem jeweiligen emotionalen Gehalt zum Durchbruch verhalf.

Den Start- und Fluchtpunkt der Reise markierte das sehr nuanciert musizierte „Italienische Konzert“ von J.S. Bach. Die hurtig und fröhlich gefassten Ecksätze rahmten eine wunderbar beseelte Aria ein, die die Herbheit mancher historischer Interpretation vergessen ließ.

Das öffnete die Ohren für Franz Liszts Sonetto 47 di Patrarca: „Benedatto sia il giorno“ (Gelobt sei der Tag), worin jenseits aller Virtuosenattitüde der zarte Augenblick einer aufblühenden Liebe gefeiert wurde. Den dramatischen Kern in Bachs „Chaconne“ für Solovioline BWV 1004 hatte Ferruccio Busoni in seiner Bearbeitung  zum Anlass genommen, ein atemberaubendes Seelendrama zu inszenieren. Jamina Gerl gelang es mit ihrem perfekten und zugleich packenden Spiel in ihren Hörern elementare Saiten anzuschlagen.

Der zweite Teil des Abends war ebenso steigernd angelegt. Beethovens lakonisch kurze Sonate opus 10 Nr. 2 F-Dur lieferte mit ihrem heiteren Duktus das Gegengewicht für das Folgende.

Gondellieder von Bartholdy

Geprägt von stiller Trauer waren danach die drei Venezianischen Gondellieder von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Sie sind ein Reflex auf seine von Heimweh überschattete Venedigreise im Jahr 1830. Die nobel und  zugleich eindringlich-schlicht musizierende Pianistin verband den leisen Schmerz und  die unerfüllten Sehnsüchte in diesen „Liedern ohne Worte“ mit dem sanften Schwingen der Gondeln. Alle Dämme brachen schließlich in der monumentalen „Fantasia quasi Sonata“ nach Dantes „Göttlicher Komödie“ von Franz Liszt.

Jamina Gerl nahm ihr gebannt lauschendes Publikum auf einen ungeheuerlichen Höllenritt mit, der immer wieder von nicht weniger ergreifenden elysischen Phasen unterbrochen wurde.

Hier zeigte sich die herausragende Klasse und Bandbreite der Künstlerin, die sich zu Beginn schon mit Bachs Aria angedeutet hatte. Ein lang nachklingendes Erlebnis!

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