Die Geislinger waren über drei Jahrhunderte hinweg berühmt für Elfenbeinschnitzerei und Beindrechslerei. Nicht selten tangierten sie damit Weltgeschichte.

Von Claudia Burst

Schnitzkunst in Vollendung. Oft im Miniformat. Auf hochwertigem Rohstoff: Elfenbein. Ausstellungsstücke und Bilder im Heimatmuseum Geislingen machen deutlich, wie kreativ, wie kunstvoll im Detail die Elfenbeinschnitzerei in der Fünftälerstadt über Generationen hinweg betrieben wurde.

Im Gegensatz zur weit verbreiteten Beindrechslerei konnten sich nur wenige Familien diesen teuren Rohstoff für ihre Elfenbeinschnitzerei leisten. Eine der bis heute bekanntesten ist die Knoll-Dynastie. Als deren Stammvater wird Johann Jakob Knoll bezeichnet. Der wurde 1687 in Bräunisheim geboren, war vorwiegend als Beindrechsler tätig und wanderte nach Geislingen aus. Er ist der Vater von Wilhelm Benoni Knoll. Eine Originalzeichnung dieses Künstlers im Museum zeigt einen Elfenbein-Schrein, der zu seinen Werken gehörte. Bekannt ist von diesem laut Museumsleiter Hartmut Gruber "gottesfürchtigen" Schnitzer außerdem die "Leidensgeschichte Jesu", die Wilhelm Benoni "in Elfenbein grub". Sie wurde in großen Städten ausgestellt und blieb irgendwann in England verschollen. Dieser zweite aus der Dynastie Knoll zeugte 18 Kinder - nur zwei erreichten das Erwachsenenalter. Einer davon wurde bekannt als Michael Knoll, der Ältere. Von ihm kennen Experten bis heute die "Habsburger Kette", auf deren Glieder Michael Knoll Brustbilder aller Habsburger Könige und Kaiser aus Elfenbein geschnitzt hatte. Dieses Kunstwerk fiel vermutlich dem Bombenhagel im Zweiten Weltkrieg zum Opfer.

Ein außergewöhnliches Schachspiel machte Johann Friedrich Knoll aus der vierten Knoll-Generation bekannt. Es zeigt osmanische und französische Soldaten in unterschiedlichen Uniformen als Schachfiguren. Außerdem die Göttin der taktischen Kriegsführung, Minerva, auf einem Podest als zusätzliche Figur. Gruber macht auf eine Zeichnung Knolls im Museum aufmerksam, auf der diese Figuren in Originalgröße zu sehen sind.

Johann Friedrich Knoll lebte zu einer Zeit, als wegen der napoleonischen Kriege und schlimmer Missernten im ganzen Land große Not herrschte. Deshalb begab er sich im Jahr 1814 nach Wien, wo zu der Zeit gerade der "Wiener Kongress" tagte. Der Geislinger wollte sein Schachspiel an Kaiser Franz I. von Österreich verkaufen. Der war zwar von der Kunstfertigkeit des Schachspiels begeistert, betonte aber mit Bedauern: "Ich kanns nicht kaufen." Als Knoll - wagemutig ob der eigenen Not - ihn darum bat, doch einen eigenen Preis vorzuschlagen, zeigte sich der Kaiser empört: "Pfui, ich handle nicht."

Knoll versuchte sein Glück daraufhin bei allen anderen politischen Größen vor Ort. Ob Talleyrand, der russische Zar Alexander I. oder der englische Hochadel - sie luden ihn auf ihre Bälle ein, bewunderten das Schachspiel, aber keiner kaufte es.

Um wieder den Heimweg antreten zu können, musste Knoll sich vom Grafen von Rechberg 50 rheinische Gulden ausleihen und sie nach seiner Rückkehr abarbeiten, indem er dessen Liegenschaften in seiner Eigenschaft als "Feldmesser" vermaß. Von 1819 bis 1824 war er Stadtschultheiß von Geislingen.

Ach ja, das Schachspiel diente 1816 als ein Geschenk des Oberamts Geislingen zur Thronbesteigung für König Wilhelm I. Es verschwand im Dunst der Geschichte - bis Hartmut Gruber, Stadtarchivar von Geislingen, im Sommer 1985 ans Stuttgarter Landesmuseum die Bitte richtete, doch danach zu suchen. "Keine Zeit", wurde ihm beschieden. Doch ein Jahr später wandten sich die Stuttgarter an ihren Geislinger Kollegen, ob er nochmal Fotos schicken könne, sie hätten im Ludwigsburger Schloss etwas gefunden

Tatsächlich, Johann Friedrich Knolls Schachspiel fand Eingang in die Napoleonausstellung im Stuttgarter Landesmuseum, in die Geislinger Weihnachtsausstellung 1986/87 und ist heute im Kloster Bebenhausen zu bewundern.

Der Sohn von Johann Friedrich Knoll war Michael Knoll. Der jedoch scherte aus der Elfenbeinschnitzer-Dynastie aus und machte sich einen ganz anderen Namen - als Erbauer der Geislinger Steige (1847 bis 1850).