Göppingen / Peter Buyer  Uhr
Ilse Birzele hört auf, Günter Roos übernimmt den Vorsitz des Trägervereins der Villa Butz.

Günter Roos heißt der Neue. Seit Ende September ist er der Vorsitzende des Trägervereins des Hauses der Familie. Am kommenden Freitag wird er ganz offiziell in der Villa begrüßt. Vorher wird seine Vorgängerin Ilse Birzele verabschiedet, und das wird gar nicht so einfach. Birzele war 33 Jahre lang Vorsitzende des Vereins, hat das Haus der Familie und die Villa Butz geprägt, zu dem gemacht, was sie heute ist. „Es war eine Ära“, sagt Roos, der seine Vorgängerin sehr schätzt und weiß, auf was er sich eingelassen hat. Er möchte „etwas zurückgeben an die Gesellschaft“, weil es ihm über Jahrzehnte gut ging.

„Der Neue“ in der Villa Butz ist in Göppingen kein Unbekannter, Roos hat von 2000 bis Anfang 2017 das Freihof-Gymnasium geleitet – auch Mathematik und Physik unterrichtet – und kennt sich mit Kindern, Schülern, Familie und Bildung aus. Auch das Haus der Familie kennt er schon lange, vor gut 30 Jahren hat er dort einen Geburtsvorbereitungskurs belegt. Damals war die Familienbildungsstätte noch in der Olgastraße untergebracht, aber die Vorsitzende des Trägervereins hieß schon Ilse Birzele. Seit 1985 war sie im Amt, hat aus der ehemaligen Mütterschule eine Familienbildungsstätte gemacht und ist 1989 aus dem beengten Erdgeschoss der Boehringer-Villa in die Villa Butz gezogen. „Eine unheimliche Raumexplosion, damals war das unglaublich“, sagt Birzele, allerdings sei jetzt schon wieder alles zu klein.

Natürlich hat sie alles das nicht allein hinbekommen, Birzele setzt auf gemeinsames Handeln, das ist der Juristin ganz besonders wichtig. Und das auf allen Ebenen: mit den Besuchern, Kursteilnehmern, Kursleiterinnen und Mitarbeiterinnen. Und natürlich auch im Verhältnis zu Stadt und Landkreis, die als Geldgeber mitgenommen werden müssen.

Auch auf historische und politische Veränderungen hat das Haus immer reagiert, sagt Ilse Birzele. Es habe das Gespür gegeben für das, was die Gesellschaft brauche. Beispiel Familien: „Wichtig ist, dass ausländische Familien, die es schwer haben, Verbindung bekommen zu anderen deutschen Familien. Früher waren das oft russische Familien, jetzt sind es häufig türkische und arabische. Bei den offenen Veranstaltungen und besonders auf den Festen treffen sich Familien aus allen Schichten, ganz natürlich und ohne Zwang. Das ist ein Kapital, das das Haus hat“, sagt Birzele. Und die Vielfalt, denn auch in Zukunft sieht Leiterin Barbara Hofgärtner die Villa Butz als Haus für alle, nicht nur für Migrantenfamilien oder Familien mit behinderten Kindern. Stark nachgefragt sind derzeit offene Treffs, auch mit speziellen Themen und Vorträgen, aber ohne den „Zwang von festgelegten Terminen“.

Die Zusammenarbeit zwischen Verein und Hausleitung, seit diesem Jahr führt Hofgärtner die Villa Butz, geht so: Inhaltliche Aufgaben liegen bei der Leitung, aber die Richtung des Hauses wird abgesprochen zwischen Leitung und Verein. „Es war nie so, dass nur eine zu bestimmen hatte. Deshalb ist es auch so gut gegangen“, sagt Birzele. Die Leitung lag immer in Frauenhänden. Das Haus der Familie sei „mit viel Frauenpower“ entstanden und gewachsen, sagt sie, die sich freut, das mit Roos und Hofgärtner „wieder ein gemischtes Doppel“ agiert. Denn: Neue Männer braucht die Villa, die Kurse werden zum größten Teil von Frauen besucht. Ausnahmen: „Senioren und junge Väter, die zum Babyschwimmen kommen“, sagt Hofgärtner.

Für sie und Roos ist klar: Kernkompetenz der Villa Butz ist und bleibt die Familie. „Die hat in den ersten Lebensjahren auf die Kinder einen entscheidenden, prägenden Einfluss“, sagt Roos. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch eine Schule nicht ausgleichen kann, was zu Hause schlecht läuft.“ Aber in einigen Bereichen vielleicht die Villa Butz. Da passt dann auch die Bezeichnung „Haus der Familie“, ein „alter Begriff“, der Roos gut gefällt. „Es gibt zahlreiche Angebote für Familien, um sie zu stärken.“ Roos selbst tut das auch, als Familienpate zieht er einmal in der Woche mit den Kindern einer alleinerziehenden Mutter aus Nigeria los und zeigt ihnen die Welt, also Göppingen.

In der Stadt gibt es für die Kinder und Günter Roos eine Menge zu sehen und zu besprechen, „da kann ein Weg, für den ich sonst zu Fuß zehn Minuten brauche, auch mal eineinhalb Stunden dauern“, sagt Roos. Er hat also Geduld und einen langen Atem, beides kann er als Vereinschef gut brauchen.

Abriss verhindert

Die Villa Butz sollte, kurz bevor das Haus der Familie einzog, abgerissen werden.  Die das Treppenhaus an der Südseite des Gebäudes beherrschenden Fenster – mit Blumen und Vögeln bemalt – waren schon ausgebaut, sollten als Andenken an die Villa dienen. „Dann haben wir ein Haus gesucht“, sagt Ilse Birzele. Die Stadt – damals Eigentümerin des Gebäudes – hat es dem Haus der Familie zur Miete angeboten, und Birzele griff zu. 102 Jahre nach der Fertigstellung der Gründerzeitvilla zog die Familienbildungsstätte 1989 in der Mörikestraße ein. 1905 hatte der Unternehmer Carl Butz das Haus gekauft, nach dem Zweiten Weltkrieg ging das nun in der Stadt als „Villa Butz“ bekannte Haus in das Eigentum der Stadt über. Mittlerweile gehört es der Wilhelmshilfe, die es an das Haus der Familie vermietet hat.