Geislingen an der Steige Ein besonderer Passionszyklus

STEFAN RENNER 30.03.2013
An den Seitenwänden der Pfarrkirche Sankt Maria Altenstadt befindet sich ein ausdrucksvoller Bilder-Zyklus, der zur Karwoche passend den Leidensweg Christi in expressivem, realistischem Stil auf großen Wandbildern darstellt.

1945 entstanden, deutet der Zyklus an den Seitenwänden der Pfarrkirche Sankt Maria in Altenstadt auf sensible Weise, etwa durch Zeitbezüge, auch leidvolle Erfahrungen an, die die Menschen durch den Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen erdulden mussten.

Der Schöpfer dieser Wandbilder war der um 1900 in Stuttgart geborene und 1968 in Ulm verstorbene Maler und Grafiker Professor Wilhelm Geyer, der 1943 wegen seiner Verbindung zum Kreis der Weißen Rose selbst in Gestapo-Haft geriet und dessen Werke in der Zeit des Nationalsozialismus als entartet gebrandmarkt wurden.

Die 14 Einzelszenen verteilen sich auf acht große Bildflächen, die alle unserem Sehen entsprechend querformatig angelegt wurden. Der Leserichtung folgend, vollzieht sich das Kreuzigungsgeschehen sowohl was die Abfolge der Einzelbilder als auch was das Geschehen auf den Einzelbildern anbelangt, von links nach rechts. Die Figuren begegnen uns ohne Nimbus ausdrucksvoll überlenkt in leichter Überlebensgröße. Als Perspektive wurde die Normalsicht gewählt, die ebenfalls unserem Sehen entspricht. Dadurch und weil sich das Geschehen auf einem angedeuteten Podest zeigt, nehmen wir es als sehr direkt und sich vor uns abspielend wahr.

Den Bilderzyklus erschuf Geyer in der seit der Renaissance mehr und mehr gebräuchlichen Sgraffito-Technik, die ähnlich wie das Fresko mit frischem Putz arbeitet. Bei den vorliegenden Bildern wurde die untere Schicht mit dunklem Grau durchfärbt, sodass in die abschließende helle, noch feuchte Schicht bis auf diese Grauschicht durchgekratzt werden konnte - dunkle Konturen wurden so herausgearbeitet. Auf den erhabenen unversehrten Flächen wurden mit hellgrauer Farbe Schatten nachgezogen und so der Eindruck von Plastizität erzeugt. Lineare, an lavierte Zeichnungen erinnernde, dabei große und kraftvolle Bilder mit leicht reliefartigem Charakter sind so entstanden. Das Beigegrau scheint direkt auf Kriegsschutt Bezug zu nehmen - die Farbe des Schutts wurde zu der des Wandbilds. Keine bunten Farbakzente finden sich hier. Passend zur Nachkriegszeit und zum Kreuzigungsgeschehen ist das Erscheinungsbild trist.

Dürre, kahle, hagere, durch die lang gezogenen Linien betonte, damals zum alltäglichen Erscheinungsbild gehörende, weil von Hunger, Krieg und Gefangenschaft gezeichnete, leicht typisierte Gestalten, die auch mit ihrer an "Schiffchen" erinnernden Kopfbedeckung einen Bezug zur (Nach-) Kriegszeit herstellen, stehen neben Figuren in Umhängen, mit Helmen, bloßen Füßen oder Sandalen und Speeren, die auf die Bibel und die eigentliche Herkunft der Gesamtszenerie verweisen. Sie alle treiben zeitübergreifend das Kreuzigungsgeschehen entweder voran oder nehmen empathisch Anteil am Leiden Jesu - wie etwa die heilige Veronika, die auf Tafel drei Jesus das Schweißtuch reicht.

Der Leidensweg spielt sich auf einer wenig tiefen Raumbühne ab, die an einen holprigen Weg erinnert. Sie gewährt lediglich der Handlung und den dafür nötigen Figuren Platz. Die gezeigten Sequenzen spielen sich demnach allgemein zugänglich in einem plattgemachten Nirgendwo ab. Von den Figuren, ihrem Tun und vom Leiden Jesu lenkt nichts ab; auch nicht das im Hintergrund aufsteigende graue Staub-Gewölk, das die zerbombten Schuttwüsten der Zeit aufgreift und zugleich auf das aufkommende Gewitter hinweist, das nach der Kreuzigung und dem Tode Jesu eingesetzt haben soll.

Obwohl im Ganzen mit großem Zeitaufwand erschaffen, wirkt das Werk durch die gestische Linienführung flott, spontan, direkt, dabei entschieden und klar entwickelt. Das hat mit den Erfordernissen der Technik zu tun. Darin liegt aber auch ein Ausdruckswert, der zur traurigen Geschwindigkeit des Krieges passt. In Bruchteilen von Sekunden verlor man Leib und Leben oder Hab und Gut oder man fand sich plötzlich, ohne besonderen Grund, in der Gestapo-Haft oder dem KZ wieder. Noch unter diesen Eindrücken stehend scheint der Leidensweg Jesu auch mit einer gewissen inneren Not, einer einfühlsamen Nähe, Dringlichkeit und Direktheit fixiert worden zu sein.

Die Linienführung verweist zudem auf innere und äußere Bewegtheit, die auch in der Haltung und Gestik der Figuren zum Ausdruck kommt. Bewegung zeigt sich zudem im Aufbau der Einzelbilder. Sie zeigen zumeist zwei Szenen nebeneinander, die aufeinander Bezug nehmend direkt auseinander hervorzugehen scheinen, etwa das Rauben der Kleider Jesu und sein Ans-Kreuz-Geschlagen-Werden.

Andere Szenen stehen singulär und erfahren dadurch eine besondere Betonung - etwa die Kreuzigung, die Kreuzabnahme oder die Grablegung - die schnellen Aktionen sind vorüber, das stille Leiden und tiefe Trauern greift um sich und tritt auf diese Weise in den Vordergrund. Die Art der Darstellung der Figuren, die zurückgenommene Farbigkeit und die immer gleiche Raumbühnenszenerie sind auch Mittel, die Einzelbilder formal aufeinander zu beziehen.

Inhaltlich verweisen sie durch die Unmöglichkeit der genauen geografischen Verortung auch darauf, dass sich dieser Leidensweg überall zutragen hätte können - und dies in aller Öffentlichkeit. Die gewählte Perspektive weist dem Betrachter eine Rolle zu. Er ist distanzierter, mitfühlender Beobachter, der sich sehr direkt diesen Szenen ausgesetzt sieht - wie ein unfreiwilliger Voyeur nimmt er das Leid und Leiden wahr - ohne einzugreifen.

Die, die anderes Leid zu sehen bekamen, könnten sich die Frage stellen: Hätte man da wie dort helfen können? Eine Frage, die nach der Zeit des Naziregimes in mancherlei Hinsicht viele beschäftigte. All diese Aspekte spielen durch die formale Gestaltung des Bildwerks in die Deutung mit hinein.

Das Werk ließe sich auch ausschließlich im christlich ikonografischen Sinne deuten, etwa durch das dargestellte Leiden Jesu im Sinne der Schmerzensmann-Darstellungen, die auf Einfühlung und Empathie abzielen und vermitteln: Mehr Leid als Jesus kann niemand erfahren und trotzdem hat er vergeben, verziehen und mit seinem Leidensweg die Hoffnung auf Erlösung gegeben.

Der Betrachter traf und trifft hier in mehrerlei Hinsicht auf Vertrautes und Bekanntes, das sich vermengt, ihn abholte und auch heute noch abholt. Bezieht man alles mit ein, könnte diese Kreuzwegdarstellung auch auf die Hoffnung auf Vergebung und einen Neuanfang im Sinne der damaligen Überlegungen zur Stunde Null verweisen. Dieser Kreuzweg hat durch seine darstellerische Kraft und seine vorsichtig angedeuteten Zeitbezüge bis heute nichts an seinem berührenden Ausdruck verloren, der auf tiefgläubige, religiöse Menschen ebenso wirkt wie auf neutral nüchterne Betrachter.