Hospiz Hospiz: 18-Jährige erlebt die Endlichkeit

Auch Kaffeekochen gehört zu Ronja Eberspächers Aufgaben. Doch die 18-Jährige unterstützt die Schwestern auch in der Pflege der Gäste.
Auch Kaffeekochen gehört zu Ronja Eberspächers Aufgaben. Doch die 18-Jährige unterstützt die Schwestern auch in der Pflege der Gäste. © Foto: Staufenpress
Susann Schönfelder 03.01.2018
Ronja Eberspächer arbeitet während ihres FSJ im stationären Hospiz in Faurndau.

Ronja Eberspächer lacht viel. Ihre erfrischende Art wirkt ansteckend –  „und tut auch den Gästen sehr gut“, bestätigt ihre Chefin Marta Alfia. „Hier ist es ja auch gar nicht so traurig und düster, wie man sich das vorstellt“, unterstreicht Ronja Eberspächer. Die 18-Jährige arbeitet seit September im stationären Hospiz in Faurndau, 40 Stunden die Woche, ein Vollzeit-Job. Die Auendorferin hat sich entschieden, ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in dem Haus zu absolvieren. Genau die richtige Entscheidung: „Es ist sehr cool. Ich würde mit nichts und niemandem tauschen wollen“, sagt sie. Und es klingt überzeugend.

Wie kommt ein junger Mensch dazu, direkt nach dem Abitur in einem Hospiz zu arbeiten? Dazu muss Ronja Ebersbächer etwas ausholen. Ihr bester Freund, ein Waldorfschüler, habe im vergangenen Jahr ein Benefizkonzert für das Hospiz in Faurndau organisiert. „Ich habe ihm dabei geholfen“, sagt die 18-Jährige. Auf diesem Weg habe sie die Einrichtung, die Hospiz-Leiterin Marta Alfia und die eine oder andere Schwester kennen gelernt. „Die Chemie hat gestimmt“, blickt die Jugendliche zurück. Daraufhin löcherte sie ihren FSJ-Vorgänger mit vielen Fragen, bewarb sich für die Stelle, kam zum Vorstellungsgespräch, hospitierte einen Tag ­­– und die Sache war perfekt.

Anfangs hätten schon Zweifel mitgeschwungen: „Wie gehe ich damit um, wenn jemand verstirbt? Welche Aufgaben kommen auf mich zu?“, räumt Ronja Eberspächer ein. Doch diese Zweifel oder gar Ängste seien schnell verflogen, die junge Frau ist im Hospiz-Alltag schnell angekommen. Je zur Hälfte übernimmt sie Aufgaben in der Hauswirtschaft und in der Pflege. „Ich helfe viel in der Küche mit, richte das Frühstück und das Mittagessen her“, erzählt sie. Einkaufen gehört ebenso zu ihren Aufgaben. Zudem kümmert sie sich um die schwerkranken Gäste, hilft ihnen beim Essen und bei der Körperpflege, begleitet sie auf die Toilette, geht mit ihnen spazieren, liest vor.

Natürlich entstehen bei so einem engen, regelmäßigen Kontakt auch Beziehungen zu den tod­kranken Menschen. „Aber ich kann gut damit umgehen, wenn jemand geht“, sagt Ronja Eberspächer. Sie habe keine Berührungsängste mit dem Thema Tod. „Ich weiß jetzt viel darüber, das nimmt Ängste. Sterben ist ja ein Prozess, der in Schritten abläuft“, erklärt die 18-Jährige. Ronja Eberspächer trennt auch klar zwischen privat und dienstlich im FSJ: „Das sind ja nicht meine Angehörigen, da habe ich schon einen gewissen Abstand.“ Erfahrungen mit dem Sterben im direkten Umfeld hat sie in ihren jungen Jahren jedoch schon gesammelt: „Es ist zwei Mal jemand Näheres aus meiner Familie gestorben.“

Trotzdem gibt es natürlich auch im Hospiz viele traurige Momente. „Es macht mich traurig, die Angehörigen so traurig zu sehen“, sagt Ronja Eberspächer. Wenn es sehr schwierig wird, geht sie auf die Schwestern zu, verlässt den Raum. „Man muss da auf sich selbst aufpassen. Ich fühle mich da hier gut aufgehoben“, betont sie.  „Wir fragen sie natürlich auch immer, wie es ihr geht“, fügt Marta Alfia hinzu. Es gebe jederzeit die Möglichkeit, Situationen zu besprechen. Die FSJ-lerin hat für sich einen Weg gefunden, gut mit ihrem Alltag im Hospiz zurechtzukommen: „Ich gehe in das Zimmer und verabschiede mich. Wenn jemand am Wochenende stirbt und ich konnte mich nicht verabschieden, geistert mir das viel länger im Kopf herum.“ Daher geht sie auch jeden Tag um 16 Uhr, wenn sie Feierabend hat, zu jedem Bewohner und sagt „Tschüss“.

„Ich finde das toll, dass sie das macht und die Reife dazu hat“, spricht Marta Alfia der 18-Jährigen ein dickes Lob aus. Sie sei „sehr froh und dankbar“, Ronja im Haus zu haben: „Sie ist sehr klug, intelligent, lässt Gefühle zu und ist ein offener Mensch“, beschreibt die Hospiz-Leiterin die FSJ-lerin. „Man merkt einfach, dass sie gerne kommt.“ Nicht jeder Mensch sei für diese Aufgabe geeignet, so mancher Jugendlicher musste sein Freiwilliges Soziales Jahr im Hospiz schnell wieder abbrechen.

Die Berufswahl ist noch offen

Könnte diese Erfahrung für Ronja Eberspächer ausschlaggebend für die Berufswahl sein? „So einen richtigen Plan habe ich da noch nicht“, sagt die junge Frau mit den kurzen Haaren und lächelt verschmitzt. Vielleicht geht die Ausbildung Richtung Krankenpflege – vielleicht aber auch nicht. „Im Moment bin ich noch recht entspannt und zuversichtlich, dass sich etwas ergibt.“

Jetzt freut sie sich erstmal auf weitere intensive Monate im stationären Hospiz. „Die Zeit verfliegt viel zu schnell“, bedauert Ronja Eberspächer. Bis August wird die Jugendliche, die in ihrer Freizeit Querflöte und Saxophon in einer Band spielt und Paartanz macht, noch schwerkranke Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten. Der Respekt ihres Umfelds ist ihr dabei sicher: „Viele sagen, ich könnte das nicht und machen sich Sorgen, wie ich damit umgehe“, berichtet die FSJ-lerin.

Doch Ronja Eberspächer fühlt sich derzeit genau am richtigen Platz: „Es ist besonders schön und besonders besonders, in schwierigen Situationen dabei zu sein“, sagt sie. „Wenn es einem Gast nicht gut geht, man einfach am Bett sitzt, seine Hand streichelt und so viel Dankbarkeit zurückkommt“, fügt sie, jetzt ganz leise, hinzu. Ihr Blick aufs Leben habe sich seit September durchaus verändert: „Ich habe mehr Bewusstsein für die Endlichkeit. So eine schwere Krankheit kann jeden treffen.“

Haus bietet Platz für acht Gäste

Blick zurück Im Mai dieses Jahres ist es fünf Jahre her, dass in Faurn­dau das stationäre Hospiz eröffnet wurde. Der Weg dorthin war steinig. Zum einen musste die Finanzierung des Baus sichergestellt werden, zum anderen mussten auch Bedenkenträger von der Notwendigkeit des Projekts überzeugt werden.

Soziales Jahr Wer im stationären Hospiz in Faurndau ein Freiwilliges Soziales Jahr machen will, sollte mindestens 18 Jahre alt sein. „Das haben wir im Team und im Vorstand so entschieden“, sagt Hospiz-Leiterin Marta Alfia.

Personal Im stationären Hospiz arbeiten 15 Pflegekräfte, zwei Hauswirtschafterinnen, 13 Ehrenamtliche, die FSJ-lerin, eine Verwaltungsmitarbeiterin und Reinigungskräfte. Das Haus bietet Platz für acht Gäste.