In welche Gemeinde gehen Sie denn jetzt?“ Diese Frage hört Andreas Weidle dieser Tage sehr oft. So richtig wahrhaben will man es wohl nicht, dass der langjährige Göppinger Pfarrer „das Weite sucht“, wie er selbst sagt. Doch gehen ist das eine, aber wirklich in den Ruhestand? Aber es ist tatsächlich so: Im Januar ist er 63 Jahre alt geworden. „Ich habe den Eindruck, es ist, im besten Sinne des Wortes, genug“, sagt der Noch-Seelsorger der evangelischen Stadtkirchengemeinde Oberhofen. „Ich will nicht in Routine erstarren, auch nicht um der Gemeinde willen“, fügt er hinzu. Zudem dieser zwar erfüllende, aber Kräfte zehrende Beruf, sieben Tage die Woche, regelmäßig Beerdigungen. „Ich merke, die innere Spannkraft wird weniger.“ Deshalb gönnen er und seine Frau Christel sich den vorzeitigen Ruhestand.

Nachdenklich wirkt Andreas Weidle bei diesem Gespräch in der Küche seines langjährigen Zuhauses in der Schumannstraße. Jede Menge Umzugskisten haben er und seine Frau bereits gepackt und dabei auch ausgemistet, Erinnerungen buchstäblich in die Hand genommen. „Ein Leben ohne Kalender kenne ich nicht“, sagt er leise. „Ich weiß gar nicht, ob ich das kann.“ Er gehöre nicht zu den angehenden Pensionären, die ihren neuen Lebensabschnitt akribisch vorbereiten. „Ich steige aus einem Flugzeug ohne Fallschirm“, sagt der Vater dreier erwachsener Kinder und Opa zweier Enkel. So ganz wohl scheint ihm bei diesem Gedanken nicht zu sein.

Es ist ein Auf und Ab der Gefühle. Einerseits das Wissen, dass er und seine Frau immer ohne Plan durchs Leben gegangen sind und stets etwas Gutes daraus wurde. „Ich hoffe, dass das wieder so passiert.“ Andererseits eben doch die Ungewissheit, wie das alles wird: „Ob ich das kann, weiß ich nicht. Ich will auf jeden Fall nicht in den Dauerurlaub.“ Die Familie werde sicher wichtiger, blickt Andreas Weidle in die Zukunft. In Fellbach, in der Heimatstadt des Ehepaars Weidle, steht ein neugebautes Drei-Familien-Fertighaus, sein Sohn wohnt schon fünf Jahre dort. Auch beide Mütter leben in der Stadt nahe Stuttgart.

Wie diese Nähe funktionieren wird, auch das sei ein Experiment. Gleich am 2. Mai wird der Möbelwagen vor der Tür stehen und die Zelte in Göppingen abbrechen. „Dieses Wissen tut mir richtig gut“, sagt der Beinahe-Pensionär. Denn dann sei der Schnitt vollzogen. „Noch befinde ich mich wie zwischen zwei Stufen“, erklärt er seine Gefühlswelt. Hibbelig sei er, wie vor jedem Stellenwechsel. „Aber dieses Mal wechseln wir nicht die Stelle, sondern den Lebensabschnitt.“

Der 63-Jährige, leger in Jeans und Pullover, nippt an seinem Espresso. Kurze Zeit Stille. Die Gedanken springen zurück. An den Abschiedsschmerz, als er und seine Familie Baltmannsweiler vor 19 Jahren verlassen haben. Zu fünft sind sie damals, im März 2000, mit Herzklopfen ins Pfarrhaus in der Schumannstraße 18 gezogen.  In diese alte jüdische Fabrikantenvilla, „wo wir uns anfangs fehl am Platz gefühlt haben“.

Nach Startschwierigkeiten und Zweifeln, ob er überhaupt hierher passe, sei im Lauf der Zeit etwas Außergewöhnliches gewachsen, geradezu ein Wunder passiert, wie die Menschen hier mitgezogen haben. „Was hier geht, ist nicht normal“, sagt der Pfarrer. Er spricht die Renovierung der Oberhofenkirche an und die proppenvollen Abendgottesdienste in der Oberhofenkirche. Nach anfänglicher Skepsis („solche Eventsachen laufen sich doch tot“) sei die Reihe zu einem Erfolgsmodell geworden, das seinesgleichen sucht. Die Sorgen um die Finanzierung seien unbegründet gewesen: „Wir haben in den 19 Jahren nie draufgelegt. Im Gegenteil: Wir haben den Überschuss sogar noch gespendet.“ Natürlich gab es Weggefährten, die neidisch nach Oberhofen blickten. Denn hier ist die Kirche auch Sonntagvormittag voll. „Das ist für andere sicher nicht einfach. Aber man spricht unter Kollegen über Vieles, aber nicht über Neid“, sagt der Pfarrer.

Aber warum funktioniert es hier – und woanders sitzen zehn, 20 Leute im Gottesdienst? „Wir haben offensichtlich den Nerv von verschiedenen Leuten getroffen“, glaubt Weidle. Den ersten Abendgottesdienst wollte er eigentlich im Alten E-Werk anbieten – nach dem Motto: „Die Kirche soll in die Welt, nicht die Leute in die Kirche.“ Sehr behutsam und niederschwellig sollte das Angebot sein, „wir wollten den Leuten nichts überstülpen“. Doch die Leute kamen auch in die Kirche. Immer und immer wieder. Unter großer Beteiligung lokaler Akteure wurde die Reihe ein fester Bestandteil im Kirchenjahr. Drei weitere Abendgottesdienste hat Weidle noch mitgeplant, um eine „kleine Zwischenstrecke“ zu überbrücken – in der Hoffnung, dass es danach weitergeht. Einen Nachfolger für seine Stelle gebe es noch nicht, nur eine Vertretung.

Jetzt sind 19 Jahre vergangen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so lange an einer Stelle bleibe und dass ich es so lange aushalte“, sagt der 63-Jährige. Ein Umstand habe wesentlich dazu beigetragen: „Ich war nicht nur in der Rolle des Pfarrers, sondern das bin ich.“ Zwei Mal habe es die Gelegenheit gegeben, Göppingen zu verlassen. Eine Dekanstelle, auf die er sich beworben hat („Gott sei Dank hat es nicht geklappt“) und ein Angebot der Landeskirche auf vorzeitigen Ruhestand ohne Abzüge, auch daraus sei nichts geworden.

„Ich möchte mich freilaufen“

Nun ist wirklich Schluss. Andreas Weidle fragt sich, wie erträglich er als Gemeindeglied in Fellbach sein wird „oder ob ich heimlich nach Göppingen fahren muss“. So ein paar Ideen hat er am Ende doch für den neuen Lebensabschnitt: Den Remstalweg, der zur Gartenschau in diesem Jahr eröffnet wird, will er erkunden. Vielleicht mit seiner Frau die Alpen überqueren, sich aber auf jeden Fall wieder Männerpilgerwegen anschließen. „Ich möchte das Weite suchen und mich freilaufen und gucken, was passiert.“

Gottesdienst am Sonntag, 28. April


Abschied Der Abschiedsgottesdienst von Pfarrer Andreas Weidle findet am Sonntag, 28. April, um 10 Uhr in der Oberhofenkirche statt. Musikalisch wird der Gottesdienst von der Göppinger Kantorei und der Gruppe „Some voices“ gestaltet. Danach gibt es in der Kirche Gelegenheit, sich bei einem kleinen Imbiss von den Weidles persönlich zu verabschieden.