B 10 Durchweg positive Resonanz für den Rad-Aktionstag

KARIN TUTAS/MARTINA ÜREK/DANIEL GRUPP 17.09.2012
Festtagsstimmung pur. Tausende Radler bevölkerten am Sonntag bei herrlichem Spätsommerwetter die B 10. Die positive Resonanz beflügelt die Organisatoren des ersten Rad-Aktionstags im Landkreis.

"Sie sind hier falsch", sagt der ältere Herr schmunzelnd. "Dort müssen Sie fahren", erklärt er der Radlerin, die auf einem Wirtschaftsweg nahe der Näherhöfe bei Eislingen unterwegs ist, und deutet in Richtung B 10. Dort spielt an diesem Sonntag die Musik - Blasmusik. Aber vor allem lockt der erste Rad-Aktionstag im Landkreis tausende Radfahrer auf die gesperrte Bundesstraße.

Ob auf zwei oder drei Rädern, zu Fuß oder auf Inlineskatern - ganze Heerscharen bewegen sich bei strahlendem Sonnenschein auf der vierspurig ausgebauten Asphaltpiste zwischen Ebersbach und Gingen. Wo sonst Verkehrslärm dominiert, sind Kinderlachen und Fahrradklingeln zu hören. "Das ist eine super Idee", meint Wolfgang Engelhardt, und seine sechs Mit-Radler aus dem Landkreis Ludwigsburg nicken beifällig.

Andere äußern sich ähnlich begeistert. "Eigentlich wollte ich das Fahrrad schon wegpacken, aber bei dem Wetter konnte ich einfach nicht widerstehen", sagt eine Rentnerin. Die 72-Jährige freut sich, dass die Bundesstraße heute frei gegeben ist. "Mein Gott, was da immer für ein Verkehr ist. Diese Ruhe ist einfach toll." Eine junge Frau flitzt auf Inlinern über die Bundesstraße: "Der neue Belag gibt ganz schön Speed", sagt sie und braust weiter. Auch die Kinder sind zufrieden. Leon, zehn Jahre, sagt: "Einfach hammergeil. Die Straße gehört den Radfahrern. Ich wünsche mir, dass es immer so bleibt."

Während Alt und Jung die B 10 in Besitz nehmen, haben die Verkehrspolizisten die Verkehrsumleitung im Blick. Viele Autofahrer schütteln den Kopf, als sie gebeten werden, wieder umzukehren. Der Parkplatz des Berufsschulzentrums Öde ist zu einem Begegnungszentrum umfunktioniert worden. Fahrräder werden auf Verkehrsinseln abgestellt, Musik spielt, Fahrradfirmen stellen ihr neues Zubehör aus und die Jugendverkehrsschule Göppingen lädt ein, einen Parcours mit dem Velo zu befahren. Auch am Ende der Ausbaustrecke bei Gingen geht es hoch her. Der Standstreifen gleicht einem gigantischen Fahrradparkplatz. Auch hier sind die Stände dicht umlagert. Viele nutzen die Gelegenheit, sich über das Radwegangebot im Landkreis oder alles rund ums Rad zu informieren.

Minister: Ein Tag für die Geschichte

"Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen", schwärmt Verkehrsminister Winfried Hermann angesichts der volksfestartigen Stimmung. Schließlich ist es das erste Mal, dass in Baden-Württemberg Radfahrer freie Fahrt auf einer vierstreifigen Bundesstraße haben. Der vom Landkreis initiierte Rad-Aktionstag ist ganz nach dem Geschmack des Verkehrsministers, der mit dem Zug aus Stuttgart nach Ebersbach angereist ist und gemeinsam mit Landrat Edgar Wolff und dem Gingener Bürgermeister Marius Hick und die 20 Kilometer bis Gingen auf einem Pedelec des Landkreises unter die Räder genommen hat.

Den Müsliriegel, den Edgar Wolff vorsichtshalber im Gepäck hat - "falls er schwächelt" -, hat Hermann aber nicht gebraucht. Keine Frage aber, dass die mitstrampelnden Kreis- und Kommunalpolitiker keine Gelegenheit auslassen, dem Verkehrsminister erneut die Dringlichkeit des Weiterbaus der Ortsumfahrung Süßen und der B 10 zu verdeutlichen. "Wenns nach uns geht, würden wir damit sofort anfangen", erklärt Hermann. "Wir sind aber abhängig von den Mitteln, die der Bund zur Verfügung stellt", fügt der Minister hinzu.

Der Ausbau der Rad-Infrastruktur liegt dagegen in Händen des Landes und hier werde kräftig investiert. Auch der Landkreis Göppingen habe sich noch viel vorgenommen, erklärt Landrat Edgar Wolff und strahlt angesichts der Resonanz mit der Sonne um die Wette. "Wir sind sehr, sehr zufrieden", zieht Kreis-Verkehrsplaner Jörg-Michael Wienecke Bilanz des Rad-Aktionstags. Der Erfolg beflügele die Veranstalter. Eine Neuauflage in zwei Jahren sei bereits angedacht.

Das befürchtete Verkehrschaos bleibt aus

Die Sperrung der B 10 hat gestern das Verkehrsaufkommen in den Innenstädten deutlich erhöht. Ein Chaos war aber nicht festzustellen. Obgleich es an einigen Stellen gehakt hat, ist das von manchen befürchtete Verkehrschaos zwischen Süßen und Ebersbach am Rad-Aktionstag ausgeblieben. Dies wird auch daran gelegen haben, dass zwar einige Busse, aber so gut wie keine Lastwagen unterwegs waren.

Schon bei Plochingen vor der Abzweigung der B 313 hat eine Warntafel auf die B-10-Sperre wegen des Rad-Aktionstages hingewiesen. Der Verkehr in Richtung Geislingen und Ulm wurde zur Autobahn gelenkt. Entsprechend war zur Mittagszeit auf diesem B-10-Abschnitt kaum ein Auto zu sehen. An der Ableitung zwischen Ebersbach und Uhingen änderte sich dies. Jetzt gesellten sich viele Radfahrer hinzu, die auf den gesperrten Teil der Straße wollten oder von dort kamen.

In Ebersbach kamen die Autos trotz des Rückbaus der Ortsdurchfahrt flüssig voran, obgleich gegenüber einem normalen Sonntag viel mehr los ist. Dies bestätigt Michaela Haug, Stammgast im Club Lion am Kreisverkehr beim Marktplatz. Normalerweise sei hier sonntags so gut wie kein Verkehr, sagt sie. Dies bestätigen ihre Bekannten, die am Tisch sitzen. Joachim Canto-Alvarez hat einen Rollstuhlfahrer beobachtet, der kaum über die Straße gekommen sei. Das Verkehrsaufkommen sei wie wochentags in Ebersbach zur Mittagszeit, sagt Dietmar Zeh. Ihnen wäre es lieber gewesen, wenn die Ortsdurchfahrten gesperrt worden wären.

In Uhingen zeigte sich am Mittag, dass Autos in Kreisverkehren besser voran kamen als an den Ampelkreuzungen. Faurndau bereitete hingegen überhaupt keine Schwierigkeiten, vermutlich liegt dies daran, dass die Ortsdurchfahrt bisher nicht zurückgebaut wurde. In Göppingen wurden die Autos über die Jahnstraße in Richtung Eislingen geleitet. Dort entpuppte sich die Hirschkreuzung für die Autofahrer, die in Richtung Göppingen unterwegs waren, als echtes Hindernis. Der Verkehr staute sich teilweise bis zur neuen Osttangente. Wobei aber kaum jemand die Gelegenheit nutzte, um auf die Nordverbindung auszuweichen.

Auch die Polizei hat ein erhöhtes Verkehrsaufkommen in den Innenstädten registriert. Hier und da sei es zu Staus und Behinderungen gekommen. Insgesamt sei aber die Verkehrsbelastung im Rahmen geblieben, sagt ein Polizeisprecher. Dennoch hätten sich einige Autofahrer beschwert. Die Polizei habe sich aber mit erhöhtem Personaleinsatz und zusätzlichen Streifen gut vorbereitet. Am Abend, als die Schnellstraße - eine Zufahrt nach der anderen - freigegeben wurde, haben sich schon Autofahrer wartend aufgestellt, um nicht durch die Orte fahren zu müssen, berichtet die Polizei. Dies sei an manchen Stellen etwas problematisch gewesen. Zuvor war vom Hubschrauber aus geprüft worden, ob noch Radfahrer auf der B 10 sind.