Der Autor Feridun Zaimoglu las in der Stadtbibliothek aus seinem neuen Roman „Siebentürmeviertel“ – auf besonders eigentümliche Art und Weise: Wie wenn er seinen sprachlichen Ausdruck in jedem Moment mit den Händen neu komponieren würde, mit (bedingt durch eine Erkältung) heiserer, dunkler Stimme und gleich einer einzigen Suada ohne Punkt und Komma. Hinter den Sätzen standen vielmehr Ausrufezeichen, die den Worten und Sätzen den Charakter von Warnungen verliehen. Und so könnte man das ganze Werk, das magisch, archaisch, dunkel bis beinahe düster, dem Unbewussten entlehnt, daher kommt, als „zu bedenken gebend“ verstehen.

 Die Geschichte, die Zaimoglu da entfaltet hat, ist die einer Integration – allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Der Protagonist Wolf flieht in den 30er Jahren mit seinem Vater vor der Gestapo nach Istanbul. Der erste Satz des Romans lautet: „Sie nennen mich Hitlers Sohn.“ Zaimoglu wirft den Leser damit gleich mitten ins Geschehen. Es gibt keine Einleitung und nur einen überaus poetischen Prolog, der die gängigen Fragen nur unzureichend zu beantworten vermag. Man muss sich einlassen, auf einen expressionistischen Strudel von Sprache, der sich großer Wörter bedient: Wunde, Vagabund, Affenschande, verdoppelte Seelen am Ende der Welt, Wortwind aus ihrem Mund.

„800 Seiten sind eine Ansage“, so Zaimoglu. Man müsse ein bisschen geduldig sein, riet der Autor – er betrachte es als die Freiheit des Lesers, nach den ersten 50 Seiten zu sagen: „Nee“. Er bemühe sich, bei jedem Buch die richtige Sprache zu finden. Und fügte hinzu: „Ich muss mich auflösen in der Geschichte.“ Diese Geschichte habe er als benebelter Träumer, der zuweilen erstaunt darüber war, dass es die Wirklichkeit gibt, geschrieben. Als visueller Mensch und Maler bediente er sich – während der Recherche – auch der bildlichen Darstellung in Form von Kästchenzeichnungen, so der Schriftsteller.

Hellseherische Fähigkeiten jedoch habe er nicht, auch wenn das Buch vor der Flüchtlingswelle geschrieben sei. Manche Literaturkritiker hätten ihm eine prophetische Sicht unterstellt. „Ein komisches Lob“, so Zaimoglu. spt