Saftiges Grün sprießt im Oberhofenpark, die Sonne scheint. Auf einer Bank zwischen den vielen Platanen sitzt Josef Keresi. Schwarzer Mantel, gestreifter Pullunder. Fast alles was der 57-Jährige besitzt trägt er bei sich – in seinem roten Rucksack. Kleidung und Essen, Papiere und persönliche Gegenstände. Viel ist es nicht.

Familie schenkte Lebensmittel

Seit drei Jahren lebt der Göppinger auf der Straße. Im Winter übernachtete er im Kälteschutz-Container der Stadt. Bei Minusgraden haben wir ihn  an dem Notschlafplatz das erste Mal getroffen, jetzt hat er sich wieder gemeldet. „Nach dem Bericht in der NWZ haben uns viele geholfen“, sagt Keresi und meint sich und die anderen Obdachlosen, die er im Gespräch gerne als „Clique“ bezeichnet. „Eine nette Familie gab uns Lebensmittel. Und eine Mutter mit ihrer Tochter hat Klamotten vorbeigebracht“, sagt er. Die Tochter sei wenige Stunden später noch einmal am Container an der Sonnenbrücke vorbeigekommen. Er lacht: „Mit einer Tüte von Burger King.“ Ihn habe diese Anteilnahme im ersten Moment überrascht, dann sehr gefreut. „Viele haben auch gefragt, wie es uns da drin eigentlich geht“, sagt der 57-Jährige.

Nach einer gescheiterten Ehe, dem Verlust des Jobs und dem Tod seiner Mutter kam sein Lebensgerüst ins Wanken. Josef Keresi landete auf der Straße – wie rund 52 000 andere Menschen, die nach einer Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in Deutschland dauerhaft ohne Unterkunft leben.

Schlafplatz: Bankvorraum

„Es hat sich peu à peu so ergeben“, erinnert sich der 57-Jährige. Schritt für Schritt. Bis er das erste Mal auf dem Boden eines Bankvorraumes schlief. „Das war meine erste Nacht in Freiheit“, sagt er, „in der großen Stadt Göppingen.“ Ein komisches Gefühl, das sich aus Angst und Scham zusammensetze. Ein Gefühl, das sich mit der Zeit legte.

Keresi spricht offen über sich und sein Leben. Der 57-Jährige beklagt sich nicht und bereut wenig. „Klar, man hätte auch etwas sinnvolles machen können... Aber die Erfahrung war es wert.“ Er sei nie angepöbelt oder angegriffen worden, richtig negative Erlebnisse blieben aus. „Es gibt eher angenehme Situationen“, erzählt er, „wenn beim Bäcker statt zwei Brötchen dann vier in der Tüte landen.“ In dieser Zeit habe er gelernt Kleinigkeiten zu schätzen. Gesten von Unbekannten oder die Solidarität, die es in Maßen auch zwischen den Obdachlosen gibt. Wie viele davon auf Göppingens Straßen leben, bleibt offen. Schätzungen zufolge haben mehr als 160 Personen keinen dauerhaften Wohnsitz. Denn so viele waren nach Angaben der Stadt Ende 2018 in städtischen Obdachlosenunterkünften untergebracht.

Sachsenheim

Mit der Hand fährt sich Keresi über die weißen, rasierten Stoppeln im Gesicht. Ihm sei es immer wichtig gewesen, nicht verdreckt oder versifft rumzulaufen. „Einen gewissen Stolz muss man sich schon beibehalten“, sagt er. Zum Waschen geht er regelmäßig ins Haus Linde, ein paar seiner Klamotten lagern bei einem Freund.

In Göppingen kennt sich Keresi gut aus

Keresi komme gut zurecht. Auch, weil er im Bodenfeld aufgewachsen ist, sagt er. In Göppingen, seiner „Heimat“ kennt er sich aus, hat Freunde und Bekannte. „Als Fremder ist es schwierig sich draußen zurechtzufinden“, meint er und richtet sich auf. Ein Kronkorken auf braunem Flaschenhals blitzt aus der Innentasche seines Mantels hervor. Alkohol ist auf der Straße ein großes Thema. „Dem Gesetzgeber nach bin ich Alkoholiker“, sagt er. Das seien seines Wissens nach Menschen die regelmäßig mehr als zwei Bier am Tag trinken. Abhängig sei er nicht, sagt er, weil er auch eine Woche ohne Alkohol auskommen kann. „Ich kann auch aufhören. Das hört sich komisch an, aber das geht schon.“

Sein Sohn weiß es nicht

„Die meisten wissen über mein Leben Bescheid“, sagt Keresi und zögert, bevor er weiter spricht. „Mein Sohn lebt in der Nähe von Tübingen“, sagt er. „Er weiß nicht, dass ich auf der Straße bin.“ Bis vor zwei Jahren haben sie sich fast wöchentlich gesehen. Keresi faltet seine Hände, wendet seinen Blick auf die Mörikestraße. Ein paar Schüler laufen über den Zebrastreifen, für sie beginnt das Wochenende. „Wir reden mit Sicherheit irgendwann darüber.“

Für den 57-Jährigen sei es nun an der Zeit etwas zu verändern. Dafür knüpft er an seinem alten Leben an. Eine feste Bleibe soll der Anfang sein, dann will er zurück in seinen Beruf.

Früher war Keresi Heizungs- und Sanitärtechniker

Knapp 40 Jahre lang hat Keresi als Heizungs- und Sanitärtechniker gearbeitet . „Irgendwann muss man wieder anfangen, irgendwas zu tun“, sagt er. Keresi ist optimistisch, dass das klappt. Arbeit, Wohnung, eine Beziehung. Das steht auf seiner Wunschliste für die Zukunft ganz oben. „Man kann relativ lange alleine durchs Leben gehen, aber es fehlt irgendwas“, sagt er.

Ob er auch noch Träume hat, die die Zeit auf der Straße überdauert haben? „Einmal Schottland und Irland bereisen.“ Mit dem Motorrad. Viel hat er über die Highlands, Land und Leute gelesen, gewesen ist er dort aber noch nicht. „Ich weiß, dass ich das hinbekomme“, ist Josef Keresi sich sicher.

Es ist Mittag geworden. Und weil Freitag ist, muss Josef Keresi langsam auch los: „Zum Essen.“ Beim Streetworker-Verein Heaven Underground gibt es wöchentlich ein warmes Essen umsonst. „Ein paar Bekannte treffe ich dort auch“, sagt er und schultert seinen roten Rucksack.

Mit festem Schlafplatz zurück ins geregelte Leben


Einrichtungen Im Göppinger Haus Linde, das unter diakonischer Trägerschaft steht, wird Obdachlosen kurzfristig und langfristig geholfen. Dort gibt es eine ­Beratungsstelle sowie ein Aufnahmehaus für wohnungslose  Erwachsene, die bereit sind an ihrer persönlichen Lebenssituation etwas zu ändern.
Im Aufnahmehaus hat es 13 Plätze für Männer, drei für Frauen. Das Haus Linde bietet weitere Wohnprojekte sowie ein ambulant betreutes Wohnen an.

Hilfe finden Obdachlose auch bei der Heilsarmee in Göppingen. Das Männerwohnheim hat 30 Schlafplätze.