Keinen leichten Stand hatten Oberbürgermeister Guido Till und seine fünfköpfige Mannschaft am Montagabend. Beim  Bürgerforum war unter den knapp 250 Besuchern, die sich  – gesäumt von Anti-Dittlau-Transparenten – in den Alten Farrenstall zwängten, kaum ein Teilnehmer zu vernehmen, der den Stadt-Vertretern zur Seite sprang. Richtig giftig wurde der Ton selten, aber der Rathausmannschaft schlugen von Seiten der „Schutzgemeinschaft Dittlau“ und den Bürgern, die sich zu Wort meldeten, Gegenargumente und Zweifel entgegen. Sie bezweifelten, dass das geplante Wohngebiet „Dittlau“ gebraucht wird und dass es keine negativen Auswirkungen für Faurndau hat.

Dabei wollte Till noch in der vergangenen Woche darüber gar nicht diskutieren. Er hatte fürs Bürgerforum abgesagt. Die Entscheidung für weitere Untersuchungen sei reif, fand er da noch. Dann aber lenkte Till ein und stellte sich der Diskussion. Gleich zu Beginn der gut zweistündigen Veranstaltung schlug der OB jetzt eher versöhnliche Töne an. Er und seine Mitarbeiter hätten in den vergangenen Tagen „sehr viel nachgedacht“, sagte Till. Es gehe darum, „für Göppingen gemeinsam Ideen zu entwickeln“. Weil es mit den Faurndauern bei der Bauland-Frage so starke Differenzen gibt, habe er das Thema am Donnerstag von der Tagesordnung des Gemeinderats gestrichen. „Wir brauchen noch Zeit zum Reden“, sagte er. Das werde in Sachen Dittlau noch einige Male passieren. „Wir wollen nichts übers Knie brechen“. Es werden ohnehin noch viele Jahre vergehen, bevor auf den 25 Hek­tar am Dittlau die ersten Häuser gebaut werden.

Dass diese etwa 800 Wohneinheiten aber letztlich gebraucht werden, damit die Stadt nicht abgehängt werde, daran halten OB Till und Baubürgermeister Helmut Renftle fest. Erneut betonten sie die riesige Nachfrage nach Bauplätzen, die das Angebot um das fünffache übersteige. Göppingen habe eine ungewöhnlich hohe Arbeitsplatzdichte, dürfe wirtschaftlich nicht abgehängt werden und müsse für junge Fami­lien Wohnperspektiven bieten. Die Verwaltung müsse die Gesamt­entwicklung der Stadt im Auge haben, appellierte Till an die Faurndauer. Das könne er den Bürgern nicht ersparen. Und Renftle erklärte einmal mehr, dass der Grundsatz des Vorrangs der Innenentwicklung trotz der Dittlau-Pläne strikt weiter verfolgt werde. „Die Flächen reichen aber nicht.“ Und da war man wieder beim am heftigsten umstrittenen Thema: der Bedarfsberechnung. Ein gemeinsamer Nenner ist hier nicht in Sicht (siehe Info).

Heftig umstritten ist aber auch, ob Faurndau „völlig überfordert“ wird, wie ein Teilnehmer meinte, der vorrechnete, dass der Stadtbezirk mit den Gebieten Dittlau, Opelstraße und Freihof die Hälfte der ganzen Göppinger Baulast tragen würde. „Herr Till, Sie mosten Faurndau aus bis zum letzten“, schimpfte er.

Unüberbrückbar scheinen auch die Meinungen beim Thema Verkehr. Die Stadt rechnet durch den B-10-Anschluss an der Öde mit einer Verkehrsentlastung für die Ortsmitte. Doch die Kritiker prophezeien das Gegenteil: „ein absolutes Verkehrschaos“. Alle Dittlau-Bewohner werden mit dem Auto fahren, vermuten sie. Auch sonst habe das geplante riesige Wohnflächenangebot negative Auswirkungen für Faurndau. Denn im Ortszentrum würden dann Häuser weiter verfallen, so die Befürchtung. Renftle konterte, dass die Stadt auch ins Ortszentrum viel Energie stecke.

Breiten Raum nahm die Diskussion um die Folgen des Flächenverbrauchs ein. Der von der Bürgerinitiative eigens engagierte Professor Martin Dieterich von der Uni Hohenheim zeigte den hohen Wert von Ackerflächen auf. Sein Fazit: „Böden sind ein extrem knappes Gut. Entwicklung von Kommunen muss nach innen stattfinden.“ Martin Bareiß von der Schutzgemeinschaft befürchtete schlimme Folgen für die Faurndauer Landwirtschaft und den Bodenmarkt, wenn die Acker­flächen verloren gingen. Faurndau steuere jetzt schon überdurchschnittlich viel Siedlungs- und Verkehrsfläche bei. Helmut Renftle wiederum fragte sich, warum der Flächenverbrauch in den Umlandgemeinden niemand aufrege, wo sehr viel mehr Fläche pro Einwohner verbaut werde.

Am Ende zog Moderator Rolf Wehhaus eine positive Bilanz der weitgehend sachlichen Debatte. Ziel sei es gewesen, auch den Gemeinderäten Argumente und ein Stimmungsbild der Bürger mitzugeben. Denn letztlich entscheiden weder die Faurndauer noch der OB, sondern die Lokalpolitiker.

Wie viele Wohnungen und Häuser braucht die Stadt?


Differenz: Beim prog­nostizierten Wohnraumbedarf sind die Zahlen umstritten.

Die Stadt stützt sich auf die Zahlen des Büros Empirica, das von einem Bedarf von 2910 neuen Wohneinheiten in den kommenden 18 Jahren ausgeht. Darin sind die zusätzlich benötigten Wohnflächen enthalten, die durch die steigende Bevölkerung Göppingens gebraucht werden. Der Anstieg in 16 Jahren wird auf 1700 Menschen geschätzt.

Dazu kommt aber zu einem  Anteil von mehr als der Hälfte der sogenannte qualitative Bedarf, also die Verbesserung der Wohnung, der Umzug in ein eigenes Haus und so weiter. Dieser Bedarf schwankt und ist abhängig vom Wohnraumangebot. Wird er nicht erfüllt, droht Abwanderung ins Umland.

Die Bürgerinitiative glaubt, für diesen Bedarf würden keine Flächen gebraucht. Deshalb müsse man ihn herausrechnen.