Satire Nuhr: Grinsen über Geschlechterkrempel

„Man sagt nicht mehr ‚doof wie Bodendiele’, sondern ‚bildungsfern’.“. Dieter Nuhr arbeitete sich in Göppingen an den pädagogischen Sprachwächtern dieser Republik ab.
„Man sagt nicht mehr ‚doof wie Bodendiele’, sondern ‚bildungsfern’.“. Dieter Nuhr arbeitete sich in Göppingen an den pädagogischen Sprachwächtern dieser Republik ab. © Foto: Giacinto Carlucci
Göppingen / MARCUS ZECHA 13.03.2017

Da steht er auf der Bühne und grinst sich eins. Das ScheImenlächeln, fröhlich variiert zwischen frech und diabolisch, ist zum Markenzeichen Dieter Nuhrs geworden. Wenn er nicht grinst, erklärt er uns die Welt, wie sie uns nicht gefällt. Und wir lachen trotzdem drüber. Sicher, das ist der Sinn von Satire, aber kaum jemand beherrscht dieses Spiel so gut wie er.

Auch in seinem neuen Programm mit dem Titel  „Nur Nuhr“ verbindet der Komiker wieder pointierte Stand-Up-Comedy mit bissiger Satire. Auf die üblichen regionale Bezüge zu Göppingen und die Schwaben verzichtet er bei seinem Gastspiel in der EWS-Arena. Sein Thema ist globaler Natur: die menschliche Ignoranz.

Gespickt mit Pointen, lästert er über sendungsbewusste Öko-Freaks und fürsorgliche Muttis. Stoff liefern ihm die Medien zuhauf: die Forderung einer Grünen-Abgeordneten nach verstaatlichtem „Sex auf Rezept“ für Behinderte etwa („Da frag ich mich: Wer will schon Sex mit Beamten?“); die Rechten in Mecklenburg-Vorpommern, denen die Flüchtlinge zutiefst suspekt sind („Die entziehen sich ihrer Diskriminierung durch Abwesenheit, das ist perfide“); oder auch die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr („In Sachsen-Anhalt steht noch eine Gulaschkanone, dort kann man die Dschihadisten mit Schweinefleisch beschießen“).

In charmantem Plauderton vorgetragen, arbeitet sich Dieter Nuhr am Zeitgeist ab, ein Ton, der nur dann an Schärfe gewinnt, wenn er sich seinem Lieblingsthema nähert: dem „Geschlechterkrempel“, der den Satiriker wie ein Eiterzahn verfolgt. Immerfort pochend, geht er ihm gehörig auf die Nerven, aber im Bemühen, den Schmerz zu stoppen, läuft der 55-Jährige zu Hochform auf. Etwa wenn Genderforscher vorschlagen, aus Studenten geschlechtsneutrale „Studierx“ zu machen.

Oder wenn Worte wie „gestört“ oder „behindert“ aussortiert und aus Verhaltensauffälligen „Verhaltensoriginelle“ werden. Über wohlgemeinte Sprachpädagogik der Sprachwächter und Spießer kann sich Nuhr schon mal aufregen. „Selber Spießer“ ruft eine Zuschauerin da auf die Bühne, und Nuhr reagiert genauso prompt: „Selber, selber... was ist denn das für ein Argument.“

Aber Nuhr ist nicht nur am Nörgeln, er hat auch eine Botschaft für den kleinen Mann („klein und immer von der Straße“), nämlich: Die Welt ist ein erheblich besserer Ort geworden, sie war noch nie so friedlich – worüber regen wir uns eigentlich ständig auf? Und empfiehlt den Therapiewilligen Deeskalation und Entspannung, ein Zustand, der wiederum nur mit medialer Askese zu erreichen sei.

Zugegeben: Dieter Nuhrs Kommentare zur Lage der Nation sind, so klug sie daher kommen, mehr gesellschaftliches Statement als literarisch orientierte Kleinkunst und erst recht kein ausgefeiltes Politkabarett, aber die Notwendigkeit und Ernsthaftigkeit seiner Beschäftigung mit diesen Themen steht außer Frage.

Manchmal hat sein Auftritt schon etwas von einem Volkstribunen, der scheinbar frei von Satire seine Sicht der Dinge erklärt. Doch zum Glück wird diese Sicht immer wieder ironisch gebrochen durch die Kommentierung des Kommentierten. Etwa, wenn Nuhr am Ende eines Statements meint: „Wenn Sie das alles für richtig halten – dann wählen Sie mich.“ Wieder dieses freche Grinsen...

Dabei hat das Publikum bereits mit den Füßen abgestimmt und seine Wahl längst getroffen. Und die 2600 Besucher sahen gut zwei Stunden starkes, relevantes Kabarett jenseits von Blödelei und dumpfbackiger Comedy – in einer Stadt wie Göppingen. Wenn das kein starkes Ergebnis ist.

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