Trafikant Die Welt auf tönernen Füßen

Franz Huchel (Felix Jeitel, hier mit Nina Mohr als Künstlerin) heißt der nette Junge aus der Provinz, den es im Theaterstück „Der Trafikant“ ins Wien der späten 1930er Jahre verschlägt.  Foto: Giacinto Carlucci
Franz Huchel (Felix Jeitel, hier mit Nina Mohr als Künstlerin) heißt der nette Junge aus der Provinz, den es im Theaterstück „Der Trafikant“ ins Wien der späten 1930er Jahre verschlägt. Foto: Giacinto Carlucci © Foto: Foto: Giacinto Carlucci
Göppingen / Angela Sakschewski 18.01.2017

Wer am Sonntagabend den Weg in die voll besetzte Göppinger Stadthalle gefunden hatte, konnte erleben, wie die Akteure der Württembergischen Landesbühne um Regisseur Hans-Ulrich Becker gekonnt dem „Trafikanten“ von Robert Seethaler Leben einhauchten. Mal sexuell-anstößig, mal lauthals-schreiend, mal ernsthaft-sinnierend, vielleicht streckenweise ein bisschen langatmig, aber – und das zeichnet Stück wie Schauspieler aus – in jedem Moment der zweieinhalb Stunden Spielzeit ist dem Zuschauer glasklar, auf welch tönernen Füßen unsere kleine beschauliche Welt steht, wenn populistische Dummschwätzer die Macht in einem Land übernehmen.

Robert Seethaler beschreibt in seinem Stück „Der Trafikant“ eine kurze Episode österreichischer Geschichte: Von Sommer 1937 bis März 1938, als Österreich von Hitler „heim ins Reich“ geholt wird, gibt der Autor Einblick in das Leben des 17-jährigen Bauernjungen Franz Huchel (gespielt von Felix Jeiter), der sorglos am idyllischen Attersee aufwächst, kurz in der pulsierenden Metropole Wien lebt und liebt und schließlich ein Opfer der NS-Schergen wird. Politisch unbedarft, gerät Franz in den unbarmherzigen Sog der Geschichte. Nach Wien muss er überhaupt erst, weil der Familienernährer stirbt und die Mutter (Sabine Bräuning) ihren Sohn nicht allein versorgen kann. Franz kommt beim Jugendfreund der Mutter unter – Otto Trsnjek (Martin Theuer), Betreiber einer so genannten Trafik, der weist „den Buam“ indes in die hohe Kunst des Tabak- und Zeitungsverkaufens ein.

Die Stammkunden der Trafik bilden die bunte Melange der damaligen Wiener Gesellschaft ab, da gibt es die Frau Dr. Dr., die sich ihre akademischen Titel erheiratet hat und gerne „Die Reichspost“ liest, den „Roten Egon“, der die Internationale pfeift, wenn er das Büdchen betritt, eine Verrückte, die von Otto auch mal etwas umsonst zugesteckt bekommt, und nicht zuletzt den alten und kranken Sigmund Freud (Peter Kaghanovitch), mit dem Franz Freundschaft schließt und ihn in Lebens- und Liebesdingen um Rat fragt, bevor der Begründer der Psychoanalyse, als Jude im Visier der Nazis, nach London emigriert. Als Franz an der Liebe verzweifelt, weil die Böhmin Anezka (verkörpert von Nina Mohr) seine Gefühle nicht erwidert, sondern immer gerade mit dem schläft, der ihr nützlich ist, wagt er es, den Nazis einen Streich zu spielen.

Schauspieler Martin Theuer spielte die Figur des Trafikanten Otto gekonnt schnoddrig-unprätentiös und hellwach. Als Kriegsveteran und eifriger Zeitungsleser versteht er die Zeichen der Zeit ganz genau.

Eine besondere schauspielerische Leistung lieferten an diesem Abend in Göppingen die Akteure Antonio Lallo, Frank Ehrhardt und Ursula Berlinghof: Zu dritt meisterten sie mehr als ein Dutzend Nebenrollen. Im schnellen Wandel die Authentizität der Figuren zu wahren – das ist große Kunst.

Etwas künstlich, deswegen aber nicht minder eindrucksvoll, ist die Bühnenmusik, um die sich live der Musiker und Schlagwerker Steffen Moddrow kümmerte.

Von „Ein starkes Team“ bis „Der Trafikant“

Autor Robert Seethaler wurde am 7. August 1966 in Wien geboren, besuchte die Schauspielschule in Wien und wirkte in einer Vielzahl von Produktionen für Kino und Fernsehen sowie an Theatern in Wien, Berlin, Stuttgart und Hamburg mit. Dem Fernsehpublikum ist er als Dr. Kneissler in der Serie „Ein starkes Team“ bekannt. Von Seethaler erschienen auch die Romane „Die Biene und der Kurt“, „Die weiteren Aussichten“, „Jetzt wird’s ernst“, „Der Trafikant“ sowie „Ein ganzes Leben“. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Preise und Stipendien.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel