Ein heißer Augusttag im vergangenen Jahr änderte das komplette Leben von Antje Dittel und ihrem 22-jährigen Sohn. Der junge Mann prallte beim Versuch, einen Bauchplatscher vom Becken des Göppinger Freibades zu machen, mit dem Kopf auf den Beckenboden. Er zog sich schwere Verletzungen an der Wirbelsäule zu und befindet sich seitdem im RKU, den Universitäts- und Rehabilitationskliniken in Ulm. Auch wenn der junge Mann Fortschritte macht, wird er querschnittsgelähmt bleiben, so die Schocknachricht der Ärzte.

Nach Entlassung wohnungslos?

Am 15. März soll er entlassen werden, erzählt seine Mutter Antje Dittel. Eine Rückehr in die alte Zwei-Zimmer-Wohnung, in der der junge Mann mit seiner Mutter lebte, ist undenkbar. „Die Wohnung befindet sich im zweiten Obergeschoss und liegt noch dazu in Hanglage im Göppinger Reusch, wo er sich mit dem Rollstuhl nicht selbstständig fortbewegen kann“, berichtet sie. Die Mutter steht unter enormem Druck. Seit September letzten Jahres sucht sie intensiv nach einer neuen Bleibe, wo sie ihren Sohn pflegen und ihm die größtmögliche Selbstständigkeit in seiner neuen Situation ermöglichen kann. Doch keine einzige Wohnung war bisher dabei.

Auch Rudolf Bede von der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung Göppingen hilft mit. „Doch wenn der Markt wie leergefegt ist, weiß ich auch nicht, wie ich noch helfen soll“, sagt Bede. Man habe bereits alle Wohnbau-Gesellschaften durch, doch im vergangenen halben Jahr habe sich keine einzige Option ergeben. „Der junge Mann stand mitten im Leben. Jetzt geht es darum, was Würdevolles für ihn zu finden“, erklärt der Betreuer der Teilhabeberatung.

Wenige barrierefreie Wohnungen

Der Fall des 22-Jährigen ist nicht der einzige, den Bede derzeit beschäftigt. Für einen weiteren behinderten Mann und seinen Sohn suche man bei der Teilhabeberatung derzeit eine Wohnung – und finde einfach nichts. „Ich versuche berufsoptimistisch zu sein“, sagt Bede, aber auch er verliere langsam die Hoffnung etwas Barrierefreies und Bezahlbares in Göppingen zu finden.

Letzteres ist ein großes Problem für Familie Dittel. Vor dem Unfall wollte Antje Dittels Sohn Verkäufer werden. Nun erhält er Grundsicherung vom Staat. Antje Dittel lebt von Arbeitslosengeld. Der Familie steht somit Wohngeld zu. „In Göppingen sind das aufgrund des zugrunde liegenden Mietspiegels aktuell 520,30 Euro, die einer Bedarfsgemeinschaft von zwei Personen zur Verfügung steht“, berichtet die Sprecherin der Göppinger Arbeitsagentur, Kerstin Fickus. Dazu kommen Nebenkosten in Höhe von rund 80 Euro. „Wenn jemand Bedürfnisse hat, die über das Normale hinausgehen, dann wird das Jobcenter in jedem Einzellfall entscheiden“, so Fickus.

Doch dazu müsse man erst einmal eine Wohnung finden, schildert Fickus das Grundproblem. „Wo kriegt man derzeit eine Wohnung her, die diesen Anforderungen entspricht?“, fragt sie und schildert dasselbe Problem, wie Rudolf Bede, „der Wohnraum ist einfach knapp im Moment.“

„Ziemlich am Limit“

Für Antje Dittel und ihren Sohn läuft die Zeit davon. „Es ist wie ein Kampf gegen Windmühlen“, sagt die Mutter. In zwölf Tagen wird ihr Sohn entlassen. Sollte bis dahin keine Wohnung gefunden sein, bleibt nur das Obdachlosenheim „Haus Linde“ in Göppingen. Dort will Antje Dittel ihren Sohn nicht sehen, vor allem auch, weil „es dort ja auch wieder nicht barrierfrei ist“. Sie fühle sich alleingelassen. Nach dem Unfall habe es von allen Seiten Hilftsangebote geregnet. „Es hieß, wir helfen euch, wir finden was für euch“, erzählt Dittel. Nun sei sie mit Behördengängen und Wohnungssuche alleine und „ziemlich am Limit“ und ihren Sohn belaste die Situation noch mehr. Für jede angefragte Wohnung hagelte es bislang Absagen. „Wenn die Vermieter hören, dass das Jobcenter die Miete zahlt, sind wir gleich raus“, so Antje Dittels traurige Erkenntnis.

Mangel an bezahlbarem Wohnraum

Dass vor allem bezahlbarer Wohnraum in Göppingen zunehmend knapp ist, weiß auch Heike Baehrens. An die Göppinger SPD-Bundestagsabgeordnete hatte sich Antje Dittel ebenfalls gewandt. „Bezahlbarer Wohnraum wird immer mehr zur zentralen sozialen Frage. Menschen mit Behinderungen haben es da besonders schwer, das weiß ich als Vorsitzende des Kreisbehindertenrings aus vielen Gesprächen“, sagt Heike Baehrens zu dem Fall. „Es gibt viel zu wenig behindertengerechte Wohnungen. Darum habe ich auch das Gespräch mit den Geschäftsführern der Wohnungsbaugesellschaften hier im Kreis gesucht. Auch dort hat man erkannt, dass wir im aktuellen Wohnungsbestand viel zu wenig barrierefreie Wohnungen haben“, berichtet Baehrens weiter. Öffentliche Förderprogramme müssten konsequent darauf ausgerichtet werden, den Anteil behindertengerechter und seniorengerechter Wohnungen zu steigern.