Göppingen Die Kunst als Lebensweg

NADJA KIENLE 05.04.2012
Hochmotiviert und völlig in ihrem Element sind die elf talentierten jungen Musiker, die derzeit in Hohenstaufen im Rahmen einer Kammermusik- Akademie ein anspruchsvolles Programm proben.

Trotz der harten Arbeit geht es bei der Kammermusik-Akademie in Hohenstaufen fröhlich zu: Das ist den elf jungen Musikstudenten deutlich anzumerken, die sich diese Woche mächtig ins Zeug legen, um gemeinsam ein musikalisches Programm auf hohem Niveau einzustudieren. In den Pausen wird gemütlich gegessen, gemeinsam geplaudert und gelacht. Eine Sache verbindet die bunt gemischte Gruppe besonders: die Leidenschaft für Musik: "Das Leben ohne die Musik wäre wie ein Film ohne Musik", meint Mira Abu Elassal aus Nazareth. Die 19-Jährige spielt bereits seit ihrem neunten Lebensjahr mit Feuereifer Cello. Aus dem Hobby wurde schnell wahre Passion: Bei etlichen klassischen Konzerten hat sie schon ihr hervorragendes Können gezeigt, unter anderem im West-Eastern Divan Orchestra, mit dem sie viele Tourneen unternahm. Das bekannte Orchester gründeten Daniel Barenboim (Pianist und Dirigent) und Eduard Said (Literaturwissenschaftler) im Jahr 1999 mit dem Ziel der Völkerannäherung im Nahostkonflikt. Elassal, die jüngst ihren Abschluss am Barenboim-Said Konservatorium in Nazareth absolvierte, bereitet sich derzeit auf die Aufnahmeprüfung für ein Musikstudium in Berlin vor.

Mit Feuer und Flamme begeistert sich auch Jana Semaan seit früher Kindheit für das Cello-Spiel. Bereits mit acht Jahren nahm sie im Libanon professionellen Unterricht mit einem kleinen Cello und besuchte zahlreiche Meisterkurse mit namhaften Cellisten. Seit zwei Jahren studiert sie an der Musikhochschule in Stuttgart. Die 22-Jährige ist ebenfalls aktives Mitglied im West-Eastern Divan Orchestra. Zudem gründete sie vor über zwei Jahren das außergewöhnliche Projekt "Musik überall". Die Idee dazu hatte sie vor drei Jahren bei einem Kammermusik-Konzert in einer Berliner Kirche: "Mir kam dort der Gedanke, diese Art der Musik auch an anderen Orten zu veranstalten und beispielsweise Menschen im Krankenhaus oder Gefängnis zu ermöglichen", erzählt sie. 2011 hätten im Rahmen des Projekts Konzerte in einem Krankenhaus für körperlich eingeschränkte Menschen und an einer Schule für geistig Behinderte im Libanon stattgefunden.

Ribal Nassar Molaeb heißt der dritte Akademie-Teilnehmer, der unter Barenboim im Divan Orchestra spielt. Im Alter von zwölf Jahren hat Ribal von Violine auf Bratsche umgesattelt. "Mein Lehrer meinte, ich hätte große Hände, die ideal für die Bratsche seien, und Bratschespieler waren Mangelware", meint der 19-jährige Libanese und lacht. Er könnte sich auch vorstellen, später einmal "professionelle orientalische Musik" zu spielen. Doch erstmal will er sich auf sein Studium an der Universität in Wien konzentrieren. Welche Musikgattung es letztlich auch sein mag - die Kunst betrachtet Ribal als seinen Lebensweg. "Er ist unheimlich engagiert", versichert die amerikanische Cellistin Elena Cheah, seine Dozentin.

Elena Cheah selbst hat ihre Liebe zum Cello mit vier Jahren entdeckt und ist mehr als ein Talent. "Die Musik ist für mich nur schwer von anderen Lebensbereichen zu trennen", erklärt die Amerikanerin, die Musik als Sprache versteht. Cheah nahm an bedeutenden Kammermusik-Festivals teil und spielte lange Zeit als Solocellistin bei der Staatskapelle und der Deutschen Oper in Berlin. Seit sechs Jahren unterrichtet sie zudem Cello an der Akademie für Orchesterstudien der Barenboim-Said Stiftung in Sevilla und seit 2010 an der Musikhochschule in Stuttgart. Zudem ist sie auch als Schriftstellerin tätig. Schon heute freut sich Elena Cheah riesig auf die beiden Osterkonzerte mit den Studenten und auf das Konzert der Dozentinnen (siehe Infokasten).