Göppingen Die erste Herrin auf der neuen Burg

Die Saliertochter Agnes von Waiblingen war eine bemerkenswerte Frau. Jetzt ist eine umfangreiche Biographie über die erste Burgherrin auf dem Hohenstaufen erschienen.
Die Saliertochter Agnes von Waiblingen war eine bemerkenswerte Frau. Jetzt ist eine umfangreiche Biographie über die erste Burgherrin auf dem Hohenstaufen erschienen.
Göppingen / WERNER FRASCH 07.04.2012
Sie dürfte die erste Burgherrin auf dem Hohenstaufen gewesen sein: Als 14-Jährige kam Agnes von Waiblingen von den Kaiserpfalzen als Gattin des Schwabenherzogs Friedrich II. auf die neue Burg.

Jetzt ist eine umfassende Biographie über die Herzogin Agnes von Waiblingen, die erste Frau auf der Burg Hohenstaufen, erschienen. Sie wurde durch zwei Ehen während ihres langen Lebens nicht nur Stammmutter der Staufer, sondern auch der österreichischen Babenberger.

Letzten Endes ist ein Strategiewechsel vor 17 Jahren im Konzern von Daimler-Benz für die wissenschaftliche Arbeit über die Kaisertochter aus dem Haus der Salier ausschlaggebend. Denn nachdem in der Untertürkheimer Chefetage ab 1995 das Konzept des "integrierten Technologiekonzerns" aufgegeben und zahlreiche Tochterfirmen abgestoßen wurden, verlor Wilhelm Muschka nach langen Berufsjahren bei einem dieser Unternehmen seinen Arbeitsplatz als Patentanwalt.

Mit 59 Jahren fühlte sich der Diplom-Ingenieur zu jung, um als Frühpensionär die Hände in den Schoß zu legen. Er nahm ein Studium der Mediävistik und Theologie auf und besuchte von seinem Wohnort Baden-Baden aus Vorlesungen und Seminare an der Universität Freiburg. Er verfasste eine Magisterarbeit über jene Agnes von Waiblingen, über die er jetzt eine umfassende Lebensbeschreibung vorlegt. Bereits im Jahr 2000 hat Muschka über einen Kanzler des Stauferkaisers Friedrich II. promoviert. Damit ist er auch mit seinem neuen Buch der "Stauferfamilie" treu geblieben.

Als einzige überlebende Tochter des Kaisers Heinrich IV., der vor allem wegen seines Gangs nach Canossa im historischen Gedächtnis geblieben ist, entstammte Agnes selbst dem Hochadel. Nicht zuletzt ihre gesellschaftliche Stellung machte sie zu einer begehrenswerten Heiratskandidatin. Ihre beiden nicht alltäglichen Ehen, mit Herzog Friedrich von Schwaben und Markgraf Leopold III. aus dem österreichischen Haus der Babenberger, haben mit den Staufern und den Babenbergern zwei Dynastien hervorgebracht, die über Generationen die Geschicke ihrer Territorien bestimmten. Zu den Nachkommen dieser Frau, die als Siebenjährige mit dem etwa 22 Jahre älteren Schwabenherzog verlobt wurde, zählten Kaiser Barbarossa und mit Otto von Freising einer der bedeutendsten mittelalterlichen Geschichtsschreiber.

Agnes selbst, das macht die Publikation von Muschka auf überzeugende Weise deutlich, war eine bemerkenswerte Frau, auch wenn die historischen Zeugnisse über sie nicht allzu zahlreich sind und sie auch bei den großen Stauferausstellungen 1977 in Stuttgart jüngst in Mannheim nicht gewürdigt wurde. Ihr genauer Geburtsort und ihr Geburtsdatum sind genauso wenig bekannt, wie die zuverlässige Zahl ihrer Kinder. Historiker gehen davon aus, dass aus beiden Ehen 22 Kinder hervorgegangen sind und Agnes das für die damalige Zeit unvorstellbare Alter von 72 Jahren erreicht hat.

Muschka schildert die Lebensumstände auf dem Hohenstaufen anschaulich und detailliert ohne die archivalische Faktenbasis zu verlassen. Erfreulich, dass der Autor - im Gegensatz zu der bisher einzigen neueren Lebensbeschreibung - ausführlich den "schwäbischen Lebensabschnitt" darstellt.

Auf Agnes und ihren Gemahl geht auch die Gründung der ehemaligen Benediktinerabtei St. Peter und Paul in Lorch zurück, deren schlichtes Langhaus sich aus der Gründungsphase erhalten hat.

Nicht zu kurz kommt selbstverständlich der von Legenden umrankte zweite Lebensabschnitt, den sie ab dem 34. Lebensjahr als Markgräfin von Österreich nach der politisch motivierten Heirat mit Markgraf Leopold auf Klosterneuburg, vor den Toren Wiens gelegen, verbrachte.

Der Autor erschließt die schriftlichen Quellen und behandelt auch die erhalten gebliebenen so genannten Realien - darunter Stoffreste ihrer Kleidung und bisher kaum beachtete Tonscherben vom Hohenstaufen im Zentralen Fundarchiv des Archäologischen Landesmuseums in Rastatt - für den Leser auf interessante und nachvollziehbare Weise. Äußerst spannend sind seine Überlegungen über eine genauere Eingrenzung des Geburtstages, den er auf die Zeit zwischen Mai und Ende Juli 1072 datiert.

Info Wilhelm Muschka: "Agnes von Waiblingen - Stammmutter der Staufer und Babenberger Herzöge - eine mittelalterliche Biografie", Tectum Verlag, 2012, 362 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 34,90 Euro

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