Göppingen / WERNER SCHMIDT Das gängige Klischee vom Neonazi mit Glatze und Springerstiefeln stimmt nicht mehr. Das zeigte Ellen Esen gestern bei einem Vortrag im Rathaus auf.

Auch in Göppingen setzen die Neonazis verstärkt ihre „geistigen Duftmarken“ durch Parolen, stellte Ellen Esen von der Friedrich-Ebert-Stiftung am Dienstagabend auf dem Weg vom Bahnhof ins Rathaus fest. Dort hielt sie im Großen Sitzungssaal im Zusammenhang mit der im Foyer stattfindenden Ausstellung einen Vortrag über Codes und Symbole der Rechtsextremen.

Auch die Polizei war im Rathaus präsent. Nachdem zuvor ein bekannter Göppinger Neonazi mit einigen Kumpanen an der Veranstaltung teilnehmen wollte, aber des Hauses verwiesen worden war, pöbelten die Männer an den Eingängen Besucher an. Zwei Polizisten achteten im Rathaus darauf, dass keiner der unerwünschten Besucher ins Gebäude kam.

Rechtsextreme erkennen sich an  „Gesinnungsknöpfen“

Untereinander erkennen sich die braunen Gesinnungsgenossen an so genannten „Gesinnungsknöpfen“– denn das Wort „Buttons“ ist undeutsch. Sie tragen Porträts vom einstigen „Führerstellvertreter“ Rudolf Heß, der in der Szene als Märtyrer angesehen werde, sagte Esen. Oder sie nehmen das Symbol der einstigen Rote Armee Fraktion (roter fünfstrahliger Stern, mit Maschinengewehr und der Abkürzung RAF) und zitieren die einstige RAF-Terroristin Gudrun Ensslin. Sie verkleiden sich als Punks oder gehen in schwarz, ähnlich den linken Autonomen. Meist müsse man genau hinsehen, um sie zu identifizieren– beispielsweise an der schwarz-weiß-roten Fahne, die mit ihren Farben als Synonym für die verbotene Hakenkreuzfahne herhalten muss.

Esen räumte in ihrer zweistündigen, von nur knapp 15 Interessierten besuchten Veranstaltung auch mit dem Vorurteil auf, Neonazis seinen immer junge, sozial benachteiligte Menschen ohne ausreichend Bildung: „Viele haben Abitur und studieren.“ Auch die Zahl der Frauen nehme in diesen Gruppen zu. Und es seien auch ältere Menschen darunter, sagte Esen, und nannte eine Frau, die aus Österreich stamme, einst eine erfolgreiche Schwimmerin gewesen sei, Sprachen studiert habe, aber einschlägig vorbelastet sei: „Ihr Vater war bei der Waffen-SS, ihre Mutter Funktionärin beim „Bund Deutscher Mädchen.“ Diese Einstellung habe sie auch ihren Kindern weitergegeben.

Nachwuchswerbung bei Ferienfreizeiten

Feindbilder seien Ausländer, Schwule und Lesben, Karrierefrauen und Emanzen, Behinderte, Obdachlose, sozial Schwache, Juden, Christen, Moslems und alle Staatsdiener. Aber auch Journalisten und Vertreter von Religionsgemeinschaften. Dabei nutzen sie sämtliche modernen Kommunikationsmittel und Netzwerke, um oft ahnungslosen Nachwuchs zu werben. Sie böten aktive Freizeitgestaltung und sportliche Aktivitäten an – häufig Kampfsport, denn sie wollten ihre Körper stählen für den „Tag X“, den Zusammenbruch des Systems und der „Machtübernahme“.

Es schießen auch immer neue rechte Gruppierungen aus dem Boden, sagte Esen. So sei zum Beispiel erst Ende September in Heidelberg „Der III. Weg“ gegründet worden. Oder Anfang August ein Baden-Württembergischer Landesverband von „Die Rechte“. Deren Landesvorsitzender sei ein Göppinger.