Göppingen So geht es der Alpakaherde nach dem blutigen Hundeangriff

Göppingen / Dirk Hülser 16.01.2019
Nach dem blutigen Angriff zweier Hunde hat die Polizei die Ermittlungen gegen die Besitzerinnen aufgenommen. Ein Anwohner klagt über „Hundetourismus“.

Der brutale Angriff zweier Hunde auf eine Alpakaherde im Göppinger Norden sorgt für unzählige Reaktionen und war am Mittwoch in der Stadt überall Gesprächsthema. Allein auf Facebook gibt es hunderte Kommentare zu dem Fall, fast alle verurteilen das Verhalten der beiden Hundehalterinnen. Deren Tiere, ein Chow-Chow und ein Airedale Terrier, waren 40 Minuten auf der Weide und verletzten mehrere Alpakas zum Teil schwer. Nur Notoperationen durch eine Tierärztin retteten die Alpakas vor dem Verbluten. Eigentlich herrscht in dem Gebiet Leinenzwang, die beiden Frauen hatten sich aber nicht daran gehalten, die Polizei ermittelt nun. Die Tierschutzorganisation Peta ruft wegen des Vorfalls nun nach einem landesweiten Hundeführerschein.

Große Anteilnahme

Am Mittwochnachmittag auf der Weide der sechs Alpakas am Rand des Oberholz. Eine Frau läuft vorbei und fragt die 47-jährige Besitzerin eines der Tiere: „Stimmt das mit den Hunden? Das ist ja furchtbar! Haben Sie mir eine Telefonnummer, falls wieder etwas passiert?“ Sie wolle nun ohnehin Schilder mit ihrer Nummer aufhängen, sagt die Hobby-Tierhalterin und berichtet von großer Hilfsbereitschaft. Kurz zuvor sei ein Junge vorbeigekommen und habe gefragt, ob es den Alpakas wieder besser gehe.

Als erster hatte am Donnerstag der Steuerberater Joachim Ehni eingegriffen. Er wohnt direkt an der Streuobstwiese im Hailing, wo sich das Gehege der südamerikanischen Kamelart befindet. „Ich bin auf den Terrier drauf und habe versucht, ihn mit Schneebällen zu vertreiben“, berichtet er. Erst später hätten ihn Freunde darauf aufmerksam gemacht, dass sein Einsatz auch hätte nach hinten losgehen können, sagt Ehni. Schließlich hätten die Hunde auch ihn angreifen können.

Kurz darauf sei die von ihm alarmierte Alpakabesitzerin gekommen und habe sich schützend vor die kleine Herde gestellt, die nicht verletzten älteren Tiere hätten sich um das Jungtier geschart, um es ihrerseits zu beschützen. Ehni erzählt: „Der Chow-Chow ist immer um den Pulk herumgelaufen und die Frau hat sich dazwischen gestellt und versucht, die Tiere zu verteidigen.“

Seit Jahrzehnten gebe es in dem Gebiet einen regelrechten „Hundetourismus“, meint Ehni. Er habe auch schon das Ordnungsamt angeschrieben, weil sich viele Hundehalter nicht an den Leinenzwang hielten – eine Antwort habe er jedoch nie erhalten. „Das Problem ist, viele Hundebesitzer sind militant, unverschämt und beleidigend im Ausdruck.“ Erst am Donnerstag sei seine Frau wieder beleidigt worden, nachdem sie jemanden auf den Leinenzwang aufmerksam gemacht habe.

Jürgen Ziegler war jahrzehntelang Hundetrainer in Göppingen, ist nun im Ruhestand. „Wenn es einen Leinenzwang gibt, kommt man nicht drumrum, den Hund an der Leine zu führen, auch wenn er noch so gehorsam ist“, sagt der Experte.  Er weiß aber auch: „Aus meiner Erfahrung heraus sind die allermeisten Hunde nicht gut erzogen.“ Der Aufwand, einen Hund gut zu erziehen, hänge sehr stark von dem Tier ab – „aber noch mehr vom Besitzer“, betont Ziegler.

Er wundert sich über das Blutbad, dass die Hunde ausgerechnet bei einer Alpaka-Herde angerichtet haben. „Der Reiz war sicher nicht allzu groß, dass da ein Hund durchgehen möchte.“ Er folgert daraus: „Wenn man seinen Hund hier nicht abrufen kann, kann man ihn nie abrufen.“

Was passiert nun mit den Hunden? In der Verwaltungsvorschrift des Innenministeriums über das Halten gefährlicher Hunde heißt es: „Ein Hund ist in der Regel als bissig anzusehen, wenn er eine Person, einen anderen Hund oder ein anderes Tier gebissen hat und es sich hierbei nicht nur um eine Reaktion auf einen Angriff oder um ein bewusst herausgefordertes Verhalten handelt.“ Auch ein einmaliger Beißvorfall könne die Bissigkeit und die Eigenschaft eines gefährlichen Hundes begründen. Die Vorschrift sieht für solche Hunde eine ausbruchssichere Unterbringung sowie einen Maulkorb- und  Leinenzwang vor. Polizei und Stadtverwaltung haben die Ermittlungen gegen die Hundehalterinnen aufgenommen, später wird sich entscheiden, was für Konsequenzen aus dem Angriff auf die Alpakas gezogen werden.

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Peta fordert Hundeführerschein

Forderung Angesichts dieses Vorfalls fordert die Tierrechtsorganisation Peta, umgehend einen sogenannten Hundeführerschein in Baden-Württemberg einzuführen.

Beißattacken „Meist liegt das Problem nicht beim Hund, sondern am anderen Ende der Leine. Viele Halter können ihre Vierbeiner nicht richtig einschätzen. Somit ist die wahre Ursache für Beißattacken bei ihnen zu suchen – nicht beim Tier. Es ist unfassbar, dass die Hundehalter die Leinenpflicht ignorierten und die Alpaka-Herde damit in Lebensgefahr brachten“, so Jana Hoger, Fachreferentin für tierische Mitbewohner bei Peta.

Führerschein Als erstes deutsches Bundesland hat Niedersachsen einen Sachkundenachweis für Hundehalter beschlossen – der allgemeine Hundeführerschein ist dort seit Juli 2013 verpflichtend. Wie Peta in einer Pressemitteilung berichtet, wurde nach drei Jahren eine Reduzierung von Vorfällen erreicht.

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