Göppingen Die Ästhetik des Surrealen

Szene aus dem neuen Traumtänzer-Programm "Mauern aus Glas": Der Pantomime Karel (links) bringt eine imaginäre Bowlingkugel zum Rasen, während die aufgestellten Kegel (rechts) mimisch-gestisch harren, was da kommen mag - und überraschend reagieren.
Szene aus dem neuen Traumtänzer-Programm "Mauern aus Glas": Der Pantomime Karel (links) bringt eine imaginäre Bowlingkugel zum Rasen, während die aufgestellten Kegel (rechts) mimisch-gestisch harren, was da kommen mag - und überraschend reagieren. © Foto: Sabine Ackermann
Göppingen / SABINE ACKERMANN 10.11.2015
Die Traumtänzer singen, tanzen, spielen, zaubern und befremden. Drei Dutzend Szenen unter dem Titel "Mauern aus Glas", deren Sinn nicht immer sofort greifbar wird, bringen die Synapsen zum Glühen.

Ohne Frage: Der Zweck, der hinter der neuen Traumtänzer-Produktion "Mauern aus Glas" steckt, wird erreicht: Man überlegt. Man grübelt. Man sucht nach dem Warum. Man hofft auf Antworten.

Kaum ein Zuschauer, der nicht zum Nachdenken über sich selbst und die Absichten des Ensembles um den Regisseur Rolf Schaal verführt wird. Wer die Traumtänzer noch nie gesehen hat, wartet vergeblich auf die Logik eines handelsüblichen Theaterstücks. Es bleibt bis zum Ende ungewiss, was alles in den emotional und ästhetisch aufgeladenen Szenen steckt, was genau das durchweg fantastisch agierende Ensemble mit den oftmals surrealen Handlungen ausdrücken will.

Nur wenige geschilderte Wirklichkeiten erklären sich von selbst, entweder durch knappe Spielszenen oder dank der aussagekräftigen Texte aus der Feder von Birgit Kohl, Rolf Schaal und Lena Starck. Eben "Mauern aus Glas". Aber dann will man sich wiederum die Augen reiben. Wenn zum Beispiel Karel mit einer alten, auf einem fahrbaren Holzbrett befestigten Nähmaschine "Gassi geht". Weil sein störrischer Vierbeiner so gar nicht hören will, steckt er sich das Leckerli lieber selbst in den Mund. Eine der sparsam dosierten Szenen, bei denen man lachen muss.

Zu den witzigen Bildern gehört auch, wie abermals Karel eine imaginäre Bowlingkugel zum Rollen bringt und daneben die aufgestellten Kegel mit grandioser Mimik und Gebaren die Kugel auf sich zu rasen sehen. Darauf muss man erst mal kommen. So wie auch auf die kaufsüchtige Tussi, der buchstäblich ein ganzer Schwung voller Einkaufstüten wie von Geisterhand hinterherläuft. Oder wird sie etwa vom Konsum verfolgt?

Ein netter Trick. Denn tricksen mal mit, mal ohne Schwarzlicht haben die Traumtänzer nicht verlernt. Dann drei von Kopf bis Fuß in blau gehüllte Gestalten, die ein rotes Individuum scheinbar aus der Erde ziehen, sich kichernd annähern, kuschligen Spaß haben und sich entkleiden. Nur konsequent, dass hinterher ein Ei geboren wird.

Immer wieder blitzt das übergeordnete Thema auch augenscheinlich durch: Ausgrenzung, Mobbing, Unbarmherzigkeit gegenüber dem Anderssein. Die Traumtänzer spielen gefühlskalte Gaffer in gefleckter Einheitskleidung mit Augenbinde. Doch gerade diese unerwünschten Schaulustigen halten Maulaffen feil, wenn es anderen dreckig geht.

Und dann die Braut. Klein und mit sichtbarer Behinderung: Warum läuft ihr Bräutigam "Frackmann" auf Stelzen und trifft, kaum verheiratet, auf die peitschende Verführung?

Die Szenen fließen ineinander, verbunden von wunderschönen Melodien von Jürgen Rothfuß. "Mauern aus Glas. Augen voll Hass. Herzen voll Angst", singt Rolf Schaal als metaphorischer Nachtwächter mit schicker Leuchte. Die Mauern fallen im Text klirrend in sich zusammen. "Lasst keinen im Regen stehn, nur weil er anders ist. Geht auf ihn zu, aus ich und ich wird ich und du." Dieses Lied hat er lange vor der Flüchtlingswelle geschrieben.

Die Traumtänzer verzaubern ihr Publikum diesmal auf ernste Weise, halten aber eine Unmenge skurriler Überraschungen parat. Nackte unterhalten sich hinter einer Luftmatratze und Leinenbeutel über Belangloses, Seelen tanzen, Halsabschneider begehen Massenmord, von oben regnet es tausende Korken.

Info Nächste Aufführungen des Programms "Mauern aus Glas" sind am 7.,8. und 9. Januar 2016 jeweils ab 20 Uhr. Der Vorverkauf beginnt am 20. November.

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