Um 7.30 Uhr in der Früh stehen am Dienstag viele Pendler am Göppinger Bahnsteig und stellen sich alle dieselbe Frage: Wo bleibt mein Zug, der laut Ersatzfahrplan eigentlich fahren sollte? Die Antwort darauf gibt nach kurzer Zeit die Anzeigetafel: Der Zug wird nicht fahren – obwohl es kurz davor noch hieß, er würde kommen. Die nächste Bahn soll erst wieder um 8.50 Uhr fahren. Viele Reisende waren wegen des Ausfalls gezwungen, umzudisponieren. Wer konnte, stieg auf andere Verkehrsmittel um. An dieser Situation wird sich wahrscheinlich in den nächsten Tagen nichts ändern.

Der Großteil der Reisenden am Göppinger Bahnhof ist deshalb verärgert und kann den Konflikt zwischen der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und der Deutschen Bahn nicht mehr verstehen: „Es regt mich so auf. Sollen die Lokführer doch streiken, aber doch nicht so oft und bitte nicht so lange. Mir reicht es jetzt langsam. Ich war von jedem der Streiks betroffen und werde auch heute wieder zu spät zu meinem Seminar in Stuttgart kommen“, erklärt die 18-jährige Rachel Deborahtuna wütend.

Sechs Tage wollen die Mitglieder der Lokführergewerkschaft streiken – so lange wie noch nie an einem Stück. Der Güterverkehr ist seit Montag betroffen, der Personenverkehr soll von Dienstag bis Sonntag bestreikt werden. Zwei von drei Fernverkehrszügen fallen voraussichtlich aus, und die Nahverkehrszüge fahren laut der Deutschen Bahn nur alle paar Stunden.

Ersatzzüge fallen aus

Obwohl die Bahn ihren Kunden den Ersatzfahrplan nahelegt und darauf verweist, dass die trotz des Streiks verkehrenden Züge pünktlich ankommen, kam es am Dienstag in Göppingen zu Verspätungen und sogar zum Ausfall der Ersatzzüge.

Gulian Traub hat kein Verständnis für die Streiks. Obwohl der 17-jährige Schüler normalerweise nicht auf die Bahn angewiesen ist, mussten seine Mitschüler und er zwei Stunden Puffer einplanen, um pünktlich bei einem Theaterstück in Esslingen zu sein. Dietmar Ulmer war sogar zweimal am Göppinger Bahnhof, denn als der erste Zug nicht kam, ging er wieder nach Hause und kam für den zweiten Zug zurück. „Ich habe gleich morgens online auf dem Ersatzfahrplan geschaut, welcher Zug letztendlich fährt. Da hieß es noch, dass die Ersatzzüge pünktlich abfahren werden. Zum Glück habe ich variable Arbeitszeiten, denn der angekündigte Zug kam erst gar nicht“, schildert Ulmer.

Auch das Kiosk muss mit Einbußen leben

Auch die Verkäufer in den Läden am Bahnhof sind nicht begeistert von dem Arbeitskampf der Lokführer. Der Kiosk Eckert muss diese Woche zum achten Mal mit Einbußen und verärgerten Kunden rechnen: „Dreiviertel der Menschen, die heute Morgen bei uns einkaufen waren, haben sich über die Bahn beschwert und die Wut sogar an uns ausgelassen. Dabei können wir gar nichts dafür. Ich selbst benutze die Bahn zwar nicht für den Weg zur Arbeit, aber durch den Streik kam es zu erhöhtem Verkehrsaufkommen, und ich habe von Eislingen ins Geschäft 25 Minuten gebraucht“, sagt Martina Kinderman, Verkäuferin in dem Kiosk.

Es ist der achte Streik in dem Tarifkonflikt, der seit Juli 2014 betrieben wird. Die GDL fordert fünf Prozent mehr Lohn, eine Stunde weniger Arbeit pro Woche und eine Begrenzung der Überstunden auf 50 Stunden pro Jahr für die Bahnangestellten. Außerdem will die Gewerkschaft Tarifverträge nicht nur für die Lokführer, sondern auch für andere Gruppen des Zugpersonals wie Zugbegleiter und Lokrangierführer aushandeln.

Das Verständnis der Reisenden für die Streiks der Lokführer scheint in Göppingen aber allmählich aufgebraucht zu sein.

Service während des Streiks

Informationen: Die Deutsche Bahn informiert Kunden über Auswirkungen des Streiks auf ihrer Internetseite und telefonisch unter 0800-099 66 33 (kostenlos).

Rückerstattung: Fahrgäste, die aufgrund von Zugausfällen, Verspätungen oder verpassten Anschlüssen ihre Reise nicht wie geplant durchführen können, können sich ihre Fahrkarte und Reservierung in Reisezentren der Bahn oder in den Agenturen des Unternehmens kostenlos erstatten lassen. Wer die Reise aufgrund des Streiks nicht mehr antreten möchte, kann sich den Preis fürs Ticket nach dem ersten Gültigkeitstag erstatten lassen. Alternativ können Reisende ohne Aufpreis auf einen anderen Zug ausweichen – auch auf eine teurere Verbindung.