Göppingen Dialog der Generationen zu Flucht und Vertreibung

Ältere Menschen erzählen im Göppinger Bürgerhaus über ihre zum Teil traumatischen Erlebnisse ihrer Flucht und junge Menschen hören aufmerksam zu.
Ältere Menschen erzählen im Göppinger Bürgerhaus über ihre zum Teil traumatischen Erlebnisse ihrer Flucht und junge Menschen hören aufmerksam zu. © Foto: Margit Haas
Göppingen / MARGIT HAAS 18.03.2016
Flucht, Vertreibung, Not - immer wieder müssen Menschen diese traumatischen Erlebnisse verarbeiten. Das wurde bei der Erzählwerkstatt, dem Dialog zwischen den Generationen, sehr deutlich.

Die Kälte, den Hunger, nicht zuletzt die Ohnmacht, den Geschehnissen nichts entgegensetzen zu können - sie werden spürbar, wenn Menschen von dem traumatischen Erlebnis der Flucht, der Vertreibung aus ihrer Heimat berichten. Zu allen Zeiten waren Menschen Opfer kühlen Machtkalküls, verloren alles, was sie hatten, was ihnen wichtig war. Bei der jüngsten Erzählwerkstatt, dem Dialog der Generationen, zu der der Stadtseniorenrat und die Stadtverwaltung ins Göppinger Bürgerhaus eingeladen hatten, wurde einmal mehr deutlich, dass Wunden auch nach Jahrzehnten schmerzen.

Zunächst hatte Kreisarchivar Dr. Stefan Lang die Situation nach Kriegsende beleuchtet, hatte berichtet, wann die ersten Züge mit "Flüchtlingen", wie sie damals generell genannt wurden, die Stadt erreichten. Am Ende sollte es zigtausende gewesen sein, die im Landkreis eine neue Heimat fanden. "Etwa ein Drittel der Landkreisbevölkerung in den Siebzigerjahren war aus seiner Heimat geflohen oder vertrieben worden." Eine ältere Dame schilderte, wie sie als junges Mädchen vor den Russen geflohen war, wie sie, die "nie etwas gestohlen hatte", nur überlebte, weil sie stahl. In einer der Kreisgemeinden untergekommen, war die Not aber nicht zu Ende. Die Einheimischen waren nicht glücklich über die Einquartierungen.

"Erst als wir uns gegenseitig kennenlernten, haben wir Vorurteile abgebaut und wurden Freunde", erinnerte sich eine andere ältere Dame, die als Zehnjährige mit ihrer Mutter zunächst aus der Nähe von Breslau gehen musste und anfangs geglaubt hatte, "in vier Wochen wieder daheim zu sein". Sie betonte, dass sie sich nicht freiwillig auf den Weg gemacht hatten, "sondern immer auf einen Befehl hin handeln mussten".

Mehr Glück hatte eine andere Göppingerin, deren Vater beruflich im Ost-Sudetenland war. Mit ihrer Mutter und ihren kleineren Brüdern war sie zwei Monate lang unterwegs, bis sie im Sommer 1945 bei den Großeltern in Göppingen ankamen. Die Zuhörer konnten die große Freude spüren, als sie erzählte, dass auch der Vater schon eingetroffen war. Sie wusste freilich auch um die Vorbehalte, die den Flüchtlingen und Vertriebenen noch lange begegneten. So wurde ihr Bruder nicht als Bürgermeister gewählt mit der Begründung: "Einen Flüchtling wollen wir nicht."

Es sollte fast eine Generation dauern, bis die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen in ihrer neuen Heimat tatsächlich angekommen waren. Landrat Paul Goes stellte erst im Jahre 1973 fest: Die Integration der Neubürger sei "im Allgemeinen abgeschlossen".

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