Begleitung Der Trauer gut begleitet genügend Raum geben

Göppingen / MONIKA ULDRIAN 25.02.2017

Konkret handelt es sich bei den neuen Projekten des Hauses der Familie um eine Trauergruppe, in der sich monatlich Kinder und Jugendliche treffen, die um einen Angehörigen trauern. Die zweite Gruppe richtet sich an jung verwitwete Väter und Mütter, auf deren spezielle Familiensituation und Anforderungen im Alltag eingegangen wird.

Der Tod eines geliebten Menschen hebt jäh die Welt aus den Angeln. Nichts ist mehr, wie es vorher war, vermeintliche Sicherheit und Geborgenheit brechen von einer Sekunde zur anderen weg. „Wann wird es denn besser?“, antwortet Trauerbegleiterin Gabriele Ulmer auf die Frage, was trauernde Angehörige mit am stärksten bewegt. Mit dem Tod innerhalb der Familie umzugehen kann höchst unterschiedlich sein ­– allen Betroffenen gemein ist der Schmerz und viele neue Herausforderungen, für deren Bewältigung es keine allgemein gültige Anleitung gibt. „Da gerät alles aus den Fugen, jede einzelne Rolle innerhalb einer Familie verändert sich und viele Trauernde werden sich selbst fremd“, beschreibt Ulmer die Situation, mit der die Betroffenen manchmal von einer Sekunde auf die andere umgehen müssen.

Die darauf folgende Zeit bis zur Beerdigung erlebten viele Angehörige wie durch einen Vorhang. „Man darf niemandem vorschreiben, wie Trauer gehen soll“, ist Gabriele Ulmer wichtig. Ihre beruflichen und privaten Erfahrungen mit dem Sterben und dem Tod zeigten ihr immer wieder, wie wichtig und hilfreich der Austausch mit Menschen ist, die auch um den Verstorbenen trauern. Manchmal lerne man ehemalige Weggefährten und Freunde des Verstorbenen erst am Grab kennen, spricht mit Menschen , die man ohne die Begegnung bei der Beerdigung nie kennen gelernt hätte.

Gabriele Ulmer erzählt von der Beerdigung ihres eigenen Sohnes, den die Eltern und Schwestern nach seinem Tod miteinander gewaschen und angezogen haben und ihn auch zu Hause bis zur Beerdigung aufgebahrt hatten: „Es war gut für uns so, in allem Schmerz. Aber: Wir konnten das nur so gestalten, weil wir früher in krisenfreien Zeiten schon viel über Tod und Abschiednehmen geredet hatten.“

Während die Erledigungen rund um eine Beerdigung viel Kraft erfordern, stellt das gesamte erste Jahr nach einem Todesfall eine Herausforderung dar. Denn es gilt, alles einmal „alleine“ zu durchleben. Das zweite und die darauffolgenden Jahre lassen den Verlust realer werden – und werden dadurch oft als noch schmerzhafter empfunden.

„Hier ist es wichtig, dass Freunde und Verwandte dann auch noch da sind“, so Ulmer. Ganz entgegen der oft vor­herrschenden Meinung, dass nach wenigen Jahren „alles wieder gut“ werde, hält die Trauer nicht selten an. „Die Beziehung zum Verstorbenen hört nie auf, sie ändert sich nur.“ Sich damit auseinander zu setzen falle ­vielen Menschen schwer, denn es ­bedeute, sich klar zu machen, dass es jeden von uns treffen kann. „Und wir setzen uns nicht gern mit der Endlichkeit aus­einander“, weiß die Theologin und Palliative Care-Fachkraft aus ihrer langjährigen Arbeit in ­Trauergruppen und der Sterbe­begleitung.

Umso wichtiger sind laut Ulmer Menschen im Umfeld, die auch ein drittes, viertes oder fünftes Mal Einladungen aussprechen, selbst wenn die vorausgegangenen stets abgelehnt wurden. Die Teilnehmer und die Leiterin einer Trauergruppe stehen einander zur Seite, erlauben sich gegenseitig, sich ihrer Gefühle bewusst zu werden. Machen Mut, diese Gefühle überhaupt genauer anzuschauen und zu benennen.

Eine eigene Trauergruppe für Kinder und Jugendliche geht auf diese speziellen Bedürfnisse altersentsprechend ein. Oftmals wollten die Kinder gar nicht kommen, man einige sich auf ein Treffen, um die Gruppe einmal erleben zu können. „Die Kinder entscheiden dann selbst, wie es weitergeht“, sagt Gabriele Ulmer und freut sich, dass fast alle von ihnen gerne immer wieder kommen – manchmal über Jahre hinweg. Gemeinsame Rituale, Essen, Spielen, Gestalten oder Schreiben werden angeboten. Dadurch entstehen Kontakte zu anderen, die Erfahrungen teilen, die sonst fast niemand nachvollziehen kann.

Bei jung verwitweten Erwachsenen gibt es mehrere Aspekte rund um die Trauer: Sie verlören laut der Theologin nicht nur sich selbst, wie sie einmal waren, sondern auch ihre Kinder, wie sie bisher waren. Diese Gefühle zu beschreiben ist schwer, Betroffene bezeichnen diesen Zustand mit seinen Empfindungen oft als „wattig“.

Häufig fehlt die Kraft

Die 58-jährige Göppingerin zitiert in diesem Zusammenhang einen Satz, der die Gefühlslage widerspiegelt: „Haltet die Welt an, merkt ihr nicht, dass einer fehlt“. Doch genau das ist für viele Menschen nicht einfach nachfühlbar, nachvollziehbar: Während der Tod als Krimi täglich allgegenwärtig ist, werden gesellschaftliche Veränderungen in der Trauer mehr als deutlich – häufig fehlt die Kraft, jegliches Konzept.

In früheren Zeiten gab es eine ganz andere Kultur des Abschiednehmens, nicht selten war das ganze Dorf an einer Beerdigung beteiligt. Heute fällt vielen Menschen der Umgang mit Trauernden zunehmend schwer. „Sie sagen, dass sie lieber nichts machen, als etwas falsch zu machen,“ hat die Trauerbegleiterin schon oft gehört. So komme für die Hinterbliebenen zur Trauer jedoch noch das Stigma des Ausgeschlossenseins dazu: Wenn Gespräche verstummten oder gar jemand die Straßenseite wechsle, um nicht mit einem Hinterbliebenen sprechen zu müssen.

Dabei reiche es meistens einfach zu fragen, an welcher Stelle man diesen Menschen unterstützen kann. „Kinder können ihre Bedürfnisse meist ganz gut benennen“; die Stimmungslage wechsle jedoch teilweise ganz schnell. „Ein Mädchen sagte einmal zu mir: Ich bin für andere auch ganz schön schwierig“, erinnert sich Gabriele Ulmer. Doch gerade dann sei Begleitung und Zuwendung durch das Umfeld am nötigsten.

Die monatlichen Treffen sind eine Säule in der Trauerbewältigung, hier erfahren Trauernde mit fachkundiger Hilfe Unterstützung. Hier hat die Trauer ihren Raum, ohne Glücksmomente auszuschließen.

Die Termine der Trauergruppen im Überlick

Kosten Die Treffen sind für Kinder kostenlos, für die jung Verwitweten ermäßigt – dank der Unterstützung durch die Göppinger Kreissparkasse. Die Termine können je mit Anmeldung insgesamt, aber auch einzeln besucht werden.

Erwachsene Eine Gruppe richtet sich an jung verwitwete Väter und Mütter: Jeweils von 20 bis 22 Uhr im Haus der Familie Göppingen, Villa Butz, an folgenden Terminen: 23. März, 27. April, 23. Mai, 29. Juni und 20. Juli.

Kinder Gruppe für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und vierzehn Jahren: Jeweils von 10 bis 12 Uhr im Haus der Familie, Villa Butz, an folgenden Samstagen: 25. Februar, 18. März, 29. April, 20. Mai, 24. Juni und 15. Juli.

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