Der Grüne Rezzo Schlauch im NWZ-Interview

SWP 14.07.2012

Herr Schlauch, die Grünen erleben ein Umfragehoch, hier und da gibt es Jobs zu vergeben. Juckt es Ihnen da nicht manchmal in den Fingern?

REZZO SCHLAUCH: Das ist eine Frage, die ich mit einem ganz klaren Nein, und zwar einem aufrichtigen und ohne jegliche Hintertürchen versehenen Nein beantworten kann. Ich hatte schon immer zwei Vorsätze: zum einen selber zu entscheiden, wann ich die Bühne verlasse, und dies nicht der Partei und dem Wähler zu überlassen. Und zum Zweiten: Wenn ich aus der Politik ausscheide, dann ohne Wenn und Aber. Ich bin kein Anhänger davon, noch als ,elder statesman aus dem Hintergrund Strippen zu ziehen oder zu jeder tagespolitischen Thematik von der Seitenauslinie Stellung zu nehmen. Zudem hatte ich schon vor der Politik einen hochspannenden Beruf als Anwalt und auch nach der Politik eine hochspannende Tätigkeit in ganz verschiedenen Bereichen.

Also sind Sie nicht in das viel zitierte schwarze Loch gefallen?

SCHLAUCH: Nein. Hier hat mir ein altgedienter Parlamentarier einen sehr guten Rat gegeben, den ich auch befolgt habe: Du musst Dir in der Mitte der Legislatur - und nicht erst dann, wenn es drängt - klar machen, was Du willst. Und wenn das klar ist, dann hast Du genügend Zeit, Dich innerlich darauf vorzubereiten, dann kommt auch dieses Loch nicht. Denn was ist denn dieses Loch: Es ist der mit der Aufgabe des Mandats verbundene Bedeutungsverlust in der Öffentlichkeit. Man wird nicht mehr eingeladen, man ist sozusagen out. Die Frage ist aber: Brauche ich das alles?

Und, brauchen Sie es nicht?

SCHLAUCH: Wenn ich meine Identität aus anderen Quellen beziehen kann, beispielsweise aus beruflichen Quellen, dann brauche ich dieses ganze Brimborium nicht.

Jetzt steht wieder eine OB-Wahl in Stuttgart an. Denken Sie nicht manchmal zurück und sagen sich, Mensch, ich hätte es auch noch ein drittes Mal probieren können?

SCHLAUCH: Diese Entscheidung habe ich 2004 getroffen, als eine nochmalige OB-Wahl anstand. Nach dem doch sehr überraschend starken Ergebnis von 1996 (Anmerk. der Redaktion: Schlauch erzielte damals 39,3 Prozent der Stimmen) war das sicher noch einmal eine Überlegung wert. Aber auch damals habe ich gesagt: Nein, ich kandidiere nicht noch einmal.

Wie schätzen Sie die Chancen Ihres langjährigen Weggefährten und Freundes Fritz Kuhn ein, der jetzt in Stuttgart Rathauschef werden will?

SCHLAUCH: Naja, ich war 1996 nah dran, als die Grünen noch keine Regierungserfahrung hatten. Fritz Kuhn ist ein starker Kandidat, und ich sehe beste Chancen, dass er das Rennen macht.

Im Land ist Grün-Rot mehr als ein Jahr an der Macht. Ein gutes Jahr?

SCHLAUCH: Ich würde die Bewertung mal weitergeben an die Bürger. Das ist doch phänomenal, wenn ein Ministerpräsident nach einem Jahr eine Zustimmung von 68 Prozent hat, wie eine Umfrage ergeben hat. Und es ist doch phänomenal, wenn eine Studie von Ernst & Young - mit Sicherheit keine grüne Parteiorganisation - zu dem Ergebnis kommt, dass der Mittelstand in Baden-Württemberg ein Loblied auf Grün-Rot singt. Der Ministerpräsident mit seiner Regierung straft all diejenigen Lügen, die geunkt haben nach dem Motto: Bei Grün-Rot kommt das Chaos, da gibt"s den Exodus der Wirtschaft aus dem Ländle Richtung Bayern oder wohin auch immer. Alle diese Schreckensszenarien sind nicht eingetreten. Und die Opposition macht aus meiner Sicht einen sehr hilflosen Eindruck.

Regierungsmitglieder kritisieren immer wieder, dass es Seitenhiebe von der harten Oppositionsbank gibt...

SCHLAUCH: Dass Schwarz-Gelb die Niederlage nicht verwunden hat, kann man aus psychologischer Sicht nach 58-jähriger Herrschaft verstehen. Aber der Demokratie tut es nicht gut: Sie lebt von einer starken und konstruktiven Opposition. Der CDU tut es schon zweimal nicht gut. Denn wenn man zu lange Wunden leckt, verpasst man, sich neu auszurichten und darauf zu hören, wie es denn im Volk aussieht.

Ist die Zeit für eine schwarz-grüne Bundesregierung reif?

SCHLAUCH: Ich war ja einer der ersten, die dieses Modell bereits 1984 benannt haben. Ich sehe allerdings zum jetzigen Zeitpunkt diese Option vollkommen außerhalb der realen Möglichkeiten.

Im Bund oder auf Länderebene?

SCHLAUCH: Überall. Und zwar, weil sich die CDU eindeutig auf die FDP festlegt - obwohl die ihnen ja mehr und mehr wegbricht. Und der Mehrheitsbeschaffer für eine CDU zu sein, die sich gesellschaftspolitisch nicht erneuern will, scheint mir keine attraktive Option zu sein. Nehmen Sie nur mal das Thema Betreuungsgeld. Das ist eine gesellschaftspolitische Position nicht nur von gestern, sondern von vorgestern.

Aber beim Atomausstieg hat sich die CDU ja bewegt ...

SCHLAUCH: Bringen Sie mir nur nicht dieses Beispiel. Das ist erzwungenermaßen passiert, weil sonst die Mehrheiten vollständig weggerutscht wären. Aber die Modernisierer in der CDU sind auf dem Rückzug - gute Leute wie Oettinger sind von Mappus und Co. weggebissen worden. Oder nehmen Sie den unwürdigen Rausschmiss von Umweltminister Röttgen.

Also täuscht die vermeintliche neue Gemeinsamkeit Energiewende?

SCHLAUCH: Da muss man schauen, was vorher war: Es gab eine Laufzeitverlängerung mit Hurra. Das sei die große Revolution, hat Frau Merkel damals gesagt. Um dann in höchstmöglicher Not nach Fukushima den Karren zu wenden. Das ist keine überzeugende Geschichte.

Die Grünen müssen also keine Angst haben, dass ihnen ihr ureigenstes Thema, die Umwelt- und Energiepolitik, abhanden kommt, weil die CDU es für sich entdeckt?

SCHLAUCH. Nein, nein, auf keinen Fall. Das wird immer so schön in den Leitartikeln und Kommentaren gesagt: Frau Merkel sei so clever, weil sie der SPD das Thema Mindestlohn nimmt und den Grünen das Thema Umwelt und Energie. Ja wenn es denn so wäre, dann wäre Frau Merkel ja eine Gesamtkanzlerin von allen Parteien. Und das ist sie nun wirklich nicht.

Aber Sie müssen einräumen, dass es durchaus Bewegung gab. Auch die Bundeswehr war jahrzehntelang eine Heilige Kuh der CDU ...

SCHLAUCH: Aber wenn Sie alles durchdeklinieren, sind es alles Positionen, die bis zum Schluss verteidigt worden sind, bis man gemerkt hat: Oh, jetzt wird es aber gesellschaftspolitisch oder mit den Mehrheiten eng. Erst da hat man sich bewegt. Oder Stichwort Betreuungsgeld: Da tanzt man eben doch wieder nach der Pfeife des Herrn Seehofer in einem schon mit Edelschimmel belegten Thema. Wenn man sich die gesellschaftlichen Mehrheiten anguckt, muss ich wirklich den Mut von Frau Merkel bewundern, da dagegen anzurennen.

Wir können festhalten: Vor Frau Merkel haben Sie keine Angst.

SCHLAUCH (lacht): Nee.

Und wie sieht es mit den Piraten aus? Sie entern ein Parlament nach dem anderen. Muss man sich da nicht als Grüner Sorgen machen?

SCHLAUCH: Das sind sehr oberflächliche Parallelen. Es ist auch ein gewisser Unkonventionalismus der Piraten, der auch nicht unsympathisch rüberkommt. Der entscheidende Unterschied zwischen den Piraten und den Grünen ist, dass die Grünen eine durchschlagende Idee gehabt haben, als sie angetreten sind. Es ging um die Zukunft unseres Planeten. Ökologie ist eine Existenzfrage - nicht wie die des Internets, die man so oder so regeln kann. Die programmatische Substanz ist sehr unterschiedlich. Zudem glaube ich, dass die Piraten nicht nur die Gesellschaft überfordern, sondern auch sich selbst - und zwar mit ihren Ansätzen der totalen Transparenz, des totalen Mitmachens an allen Entscheidungen.

Wäre es nichts für Sie, ständig zu twittern, damit alle Parteimitglieder immer auf demselben Stand sind?

SCHLAUCH: Verstehen Sie, ich bin ein durch und durch politischer Mensch. Aber trotzdem gibt es jenseits der Politik auch noch Lebensbereiche, die ich auch leben will. Ich will nicht nur an meinem Computer sitzen und ständig mit irgendwas etwas befasst werden.

Sie sind nicht nur ein durch und durch politischer Mensch, sondern sicher auch durch und durch Grüner und sind jetzt in der Wirtschaft tätig? Nicht alle finden das gut.

SCHLAUCH (überlegt): Wissen Sie, den dümmsten Vorwurf, den man jemanden machen kann, ist dieser Verratsvorwurf. Im Grunde genommen steckt ja das dahinter. Der führende Grüne ist in einem Beirat eines Energiekonzerns, der Atomkraftwerke laufen hat. Wenn ich in einen solchen Beirat gehe, dann gebe ich doch meine grüne Position nicht an der Garderobe ab, sondern ich versuche dort, die von uns seit über 30 Jahren geforderte Energiewende zu implementieren.

Das ist ja eigentlich logisch ...

SCHLAUCH: Ja, natürlich ist es logisch. Insofern bin ich diesen Vorwurf zwar gewohnt, aber er trifft mich nicht.

Kommt der Vorwurf in erster Linie aus der eigenen Partei?

SCHLAUCH: Die eigene Partei hat mich da geschont, die Baden-Württemberger sowieso. Vor allem in Foren im Internet wird darüber abgelästert, teilweise anonym.

Apropos eigene Partei. Haben Sie noch zu Joschka Fischer Kontakt?

SCHLAUCH: Ja, sicher. Jetzt nicht so, dass man jede Woche Kontakt hat. Aber selbstverständlich tauscht man sich aus. Wir haben ja immerhin gemeinsame Wurzeln im Hohenlohischen. Wir sind von der gleichen Hebamme im Oberamtskrankenhaus Gerabronn geholt worden.

Um Joschka Fischer ist es ja sehr ruhig geworden ...

SCHLAUCH: Ja, der verdient gut Geld (lacht).

Sie aber sicher auch ...

SCHLAUCH: Ich habe verschiedene Aufsichtsrats- und Beiratsmandante. Die Aufgaben sind sehr vielfältig. Ich bin gut beschäftigt. Doch das schöne im Vergleich zu früher ist, dass mein Terminkalender nicht von außen diktiert wird.

Eine Rente mit 67 kann ich mir bei Ihnen schwer vorstellen

SCHLAUCH: (lacht) Das kann ich mir bei mir auch sehr schwer vorstellen.

Und wenn Sie doch mal Freizeit haben?

SCHLAUCH: Ich reise gerne, ich fröne gerne kulinarischen und vinologischen Genüssen und ich schaue, dass ich körperlich fit bleibe. Ich fahre viel Fahrrad.

Aber kein Marathon mit Joschka?

SCHLAUCH: Nein, das ist ja auch bei ihm schon lange vorbei. Wissen Sie, ich bin nicht so einer, der immer von einem Extrem ins andere fällt. Ich bin eher beständig. Ich bin ein Musik- und RocknRoll-Fan, gehe viel auf Konzerte und ins Kino. Ich bin jemand, der sich nicht langweilt, aber der auch mit dem Nichtstun gut zurecht kommt.

Wirklich?

SCHLAUCH: Ja, wirklich. Das war auch ein ganz wichtiges Moment in meiner politischen Tätigkeit, ich konnte immer abschalten. Wenn sie immer im Hamsterrad drin sind, finden Sie keinen neuen Gedanken. Deshalb habe ich auch mal bewusst einen Cut gemacht.
 

  • STECKBRIEF von Rezzo Schlauch

Rezzo Schlauch wird am 4. Oktober 1947 in Gerabronn (Kreis Schwäbisch Hall) geboren. Er wird nach dem Ritter Rezzo von Bächlingen aus dem 13. Jahrhundert benannt, der in der Bächlinger Kirche begraben ist. In dem hohenlohischen Ort wächst Schlauch auf.

Nach dem Abitur studiert er Rechtswissenschaften und arbeitet seit 1975 als selbstständiger Anwalt. In die Partei Bündnis 90/Die Grünen tritt Schlauch 1980 ein. Von 1984 bis zu seiner Wahl in den Bundestag im Jahr 1994 ist er Mitglied des Landtages von Baden-Württemberg - von 1990 bis 1992 Vorsitzender der Grünen-Landtagsfraktion. Von 1998 bis 2002 steht Schlauch gemeinsam mit Kerstin Müller an der Spitze der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Von Oktober 2002 bis November 2005 ist er Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit. 1996 unterliegt er mit 39,3 Prozent der Stimmen bei der Oberbürgermeister-Wahl in Stuttgart im zweiten Wahlgang gegen Wolfgang Schuster (CDU), der 43,1 Prozent bekommt, nur knapp. Sechs Jahre zuvor erzielt er gegen Manfred Rommel in Stuttgart 20,7 Prozent und 1982 bei der OB-Wahl in Crailsheim zwölf Prozent der Stimmen.

2005 zieht sich Rezzo Schlauch aus der Politik zurück und arbeitet wieder als Anwalt. Zudem hat er national und international verschiedene Engagements als Aufsichtsrat oder Beirat, beispielsweise bei der "Senior-Consult ISPAT", der Agentur für Wirtschafts- und Investitionsförderung des türkischen Ministerpräsidenten. Außerdem hält Schlauch Vorträge und ist beratend für Unternehmen tätig.

 

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