Göppingen Therapeuten putzen Kreide-Protest weg

Göppingen / Dirk Hülser 29.08.2018
Bundesweit einmaliger Fall: Nach ihrer Kreideaktion in der Innenstadt müssen Therapeuten die Straßenkreide auf Anweisung der Stadt wieder entfernen.

In ganz Deutschland haben am Samstag Therapeuten protestiert, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen: schlechte Bezahlung, teure Ausbildung, Nachwuchsmangel. Mit Kreide schrieben sie in 244 Städten den Hashtag #Therapeutenamlimit auf Straßen, Gehwege und Plätze. Auch in Göppingen.

Stadt ordnet Entfernung der Schriftzüge an

Doch hier gab es eine Besonderheit: Die Stadtverwaltung forderte die beteiligten Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Logopäden und Podologen ultimativ auf, einen großen Teil der Schriftzüge wieder zu entfernen – nach Intervention des städtischen Betriebshofs.

Logopädin Evelyn Knape, die seit 15 Jahren eine Praxis in Ebersbach betreibt, traute ihren Augen nicht, als sie am Montagvormittag eine E-Mail der Göppinger Stadtverwaltung öffnete. Die stellvertretende Vorsitzende des Landesverbands der Logopäden hatte die Protestaktion in Göppingen organisiert und dies auch der Polizeibehörde des Rathauses mitgeteilt. „Zur Klärung einer Anzeige des Betriebshofs der Stadt Göppingen bitte ich Sie, sich mit mir in Verbindung zu setzen“, schrieb nun ein Mitarbeiter der Ortspolizeibehörde.

Ein Anruf brachte Klarheit: Die Therapeuten sollten Teile der Göppinger Innenstadt reinigen. Knape berichtet, vom städtischen Betriebshof sei ihr mitgeteilt worden, die Kehrmaschine habe trotz des Einsatzes von Wasser die Kreide nicht entfernen können. Das mag die Logopädin gar nicht glauben: „Wir haben nur Wasser drübergeschüttet und die Kreide war fast weg.“ Gemeinsam mit der Ergotherapeutin Uta Feifel hatte sie die Kreide-Schriftzüge am Montagabend entfernt.

Stadt spricht von Missverständnis

Die Pressestelle im Rathaus möchte die Sache nicht so hochhängen und spricht von einem „Missverständnis“: Nach der Beschwerde einer Anliegerin habe die Polizeibehörde lediglich den Kontakt zwischen Evelyn Knape und dem Betriebshof  hergestellt. „An einer Stelle wurde die Kreide von den Organisatoren/Beteiligten zwischenzeitlich entfernt, die anderen Stellen überlassen wir (wie bei Straßenkreidemalereien üblich) dem nächsten Regen“, schreibt Rathaus-Sprecher Olaf Hinrichsen. Zudem habe der Mitarbeiter keine „Reinigungsverpflichtung ausgesprochen“.

Knape erzählt die Geschichte anders: „Der Herr vom Betriebshof sagte zu mir, wir müssen den Schillerplatz und die kleine Fußgängerzone Bleichstraße reinigen.“ Das geschah dann auch. Ein einmaliger Fall: Knape erkundigte sich beim Organisator des bundesweiten Protests, dem Physiotherapeuten Heiko Schneider aus Hessen – der war mehr als erstaunt. Lediglich in Bayreuth musste die Kreide wieder entfernt werden, das war den Organisatoren zuvor auch so mitgeteilt worden.

Alle anderen 242 Städte, in denen protestiert wurde, hatten keine Probleme mit der Straßenkreide. In Braunschweig hatten Anlieger die Polizei gerufen. Die Streife habe dann aufgeklärt: „Es ist nur Kreide. Wir können nichts machen. Auf den Boden zu malen ist erlaubt.“ In der öffentlichen Facebook-Gruppe zur Kreideaktion schlägt der Göppinger Fall inzwischen hohe Wellen. „Es ist ein Armutszeugnis für die Stadt“, gehört noch zu den freundlicheren Kommentaren.

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