Geislingen an der Steige Den Koran zurückholen

Geislingen an der Steige / STEFANIE SCHMIDT 02.11.2012
Islam und Moderne - das muss kein Widerspruch sein, sagt die Diplompsychologin Lale Akgün. Bei einer Lesung in der Stadtbücherei kritisierte sie, dass orthodoxe Vertreter der Islamverbände bei uns zu viel Gehör finden.

In der deutschen Integrationsdebatte kommt dem Thema Religion eine viel zu große Bedeutung zu, findet Lale Akgün, die Autorin des Buchs "Aufstand der Kopftuchmädchen". "Die Begriffe ,Islam und ,Integration werden durcheinandergeworfen und als Einheit gesehen", stellte die Diplompsychologin und frühere SPD-Bundestagsabgeordnete bei einer Lesung in der Stadtbücherei Geislingen fest. Und aus "Ausländern" seien in der öffentlichen Debatte "Muslime" geworden - obwohl sich die meisten Migranten überhaupt nicht über ihre Religion definierten.

In diesem Zusammenhang kritisierte die Autorin auch die muslimischen Moscheeverbände, die für sich in Anspruch nähmen, alle muslimischen Migranten in Deutschland zu vertreten. Für ihre Meinungsäußerungen würden ihnen deutsche Politiker eine unangemessen große Plattform zur Verfügung stellen. Dabei sei es auch ein Zeichen von Hilflosigkeit, wie deutsche Politiker diese Verbände aufwerten und hofieren.

Nach wie vor wisse die deutsche Politik nicht, wie sie den Begriff Integration genau definieren soll. Meist werde Integration daher nur an Sprache und Religionszugehörigkeit festgemacht. Spreche ein islamischer Funktionär gut deutsch, werde er automatisch zum "Integrationslotsen". "Da macht man den Bock zum Gärtner", ist sich Lale Akgün sicher. Den islamischen Verbänden sei nicht daran gelegen, Parallelgesellschaften miteinander zu verbinden: "Sonst würden sie ihre Klientel verlieren!" Es könne daher keine "Abkürzung" zur Integration über die Islamverbände geben; vielmehr müsse die Zivilgesellschaft selbst auf den Plan treten. "Integration und Islam sind zwei Paar Schuhe", erklärte Akgün.

Im Übrigen sei der Islam genauso kompatibel mit der Moderne wie jede andere Religion auch, sagte die Autorin. Man dürfe nur nicht auf die "ewig Gestrigen" hören, zu denen sie auch die in Deutschland aktiven Islamverbände zählt. Wichtig sei allerdings eine historisch-kritische Exegese des Korans und eine darauf basierende zeitgemäße Auslegung: "Wir müssen den Koran von der Wortwörtlichkeit lösen." Dieser Ansatz werde auch islam-intern schon lange diskutiert, er sei keine Erfindung des Westens. Die Koransuren enthalten für Lale Akgün ethische und moralische Kernaussagen. Ihr historischer Kontext dürfe bei der Auslegung für die heutige Zeit auf keinen Fall unbeachtet bleiben, die Deutung müsse stets die Umstände der Gegenwart berücksichtigen. Die Gleichberechtigung von Frau und Mann, Sex vor der Ehe, Homosexualität und eine freie Partnerwahl widersprechen für Lale Akgün in keiner Weise den moralischen Kernaussagen des Korans.

Um einer solchen modernen Deutung des Korans mehr Öffentlichkeit zu verschaffen, hilft Akgün zufolge nur eines: Liberale und säkulare Muslime sollten sich den Islam von orthodoxen Dogmatikern, die die Suren zur Untermauerung ihrer Macht benutzen, zurückholen.