Das Überleben der Lämmer

Die Gier nach Heu: Ob wohl genug da ist für alle?
Die Gier nach Heu: Ob wohl genug da ist für alle?
SWP 07.04.2012

Auf dem Waldeckhof in Jebenhausen kommen zur Zeit jeden Tag Lämmer zur Welt. Die Glücklichen überleben die Ostertage, denn zum Schlachten sind sie noch zu jung. Das Fleisch der jungen Schafe ist beliebt. Selbst die Hof-Chefin ist nicht abgeneigt.

Von Christine Böhm

Wie ein weiches Plüschtier - nur wärmer. So fühlt sich Nummer 25 an. Sie ist klein, schneeweiß und erst wenige Wochen alt. Ein Weibchen, das verrät die rote Erkennungsmarke. Als Lamm auf dem Waldeckhof in Jebenhausen hat sie nichts zu befürchten. Denn soviel ist sicher: Im Backofen und anschließend auf der Ostertafel landet Nummer 25 in diesem Jahr nicht.

In den frisch eingestreuten Boxen stehen hinter dem kleinen Lamm weitere Jungtiere. Eine rote Lampe in Kniehöhe strahlt auf die Tiere herab. Rosa Schnauze, weiche haarige Ohren, bei denen die Adern durchscheinen. Selbst die feinen Augenbrauen sind weiß. Die rote Lampe strahlt Wärme ab, denn auch im April kann es im Stall noch kalt werden. Schreckhaft sind die Tiere nicht. Eine streichelnde Hand lenkt zwar kurz vom Fressen ab, stört aber nicht weiter.

"Solange ich den Namen der Tiere nicht kenne, esse ich auch Lammfleisch", sagt Karin Woyta, Geschäftsführerin der Staufen Arbeits- und Beschäftigungsförderung (SAB). Sie betreibt den Waldeckhof, auf dem benachteiligte Menschen beschäftigt und qualifiziert werden. Woyta steht im Stall und krault eines der kleinen Tiere.

Namen bekommen die Lämmer nicht, nur Nummern. So kann die Geschäftsführerin das Fleisch der Tiere, die unter Bio-Richtlinien gezüchtet und gefüttert werden, ohne moralische Probleme essen. Die Jungtiere aus diesem Jahr sind bis zum Osterfest aber noch nicht alt genug, um geschlachtet zu werden. Der Lammrücken in Mandelkruste mit Speckbohnen rückt in weite Ferne.

Am frühen Morgen kam auf dem Waldeckhof ein schwarzes Lamm zur Welt. Die Augen von Nummer 29 sind leicht blau und trüb. Es legt sich aber nicht aufs weiche Heu, sondern hat sich für den kalten Steinboden entschieden. "Dem war es wahrscheinlich zu warm", sagt Anja Reifegerste. Sie ist Anleiterin auf dem Hof. Das Herz des kleinen Lämmchens schlägt schnell, wenn man es anfasst oder auf den Arm nimmt. Viele Strapazen hat das rund vier Kilo schwere Tier in den vergangenen Stunden erlebt. "Määääh." Eine rosa Zunge mit schwarzen Punkten kommt zum Vorschein. Das zerbrechlich wirkende Lamm kann sogar schon stehen. Ein wenig wackelig noch, aber es geht.

Heu fressen, laut blöken oder auf schlafende Schafe klettern - die Kleinen sind aktiv. Ganz schön laut kann es in der Gruppe von 60 Lämmern und 100 Muttertieren werden. Ein Chor von Schafsstimmen übertönt Gespräche von Menschen und Vogelgezwitscher. Unter dem Dach haben sich Spatzen eingenistet. Während die älteren Schafe eine tiefe Stimme haben, blöken die Lämmer noch in einer höheren Tonlage.

Rufus und Nils sind heute nicht da. Die beiden Schafböcke stehen im Stall nebenan. Im Herbst waren sie für die Befruchtung der Weibchen zuständig. Welche Gruppe von wem gedeckt wurde, zeigen die Tafeln an den einzelnen Boxen. Links die noch trächtigen, rechts diejenigen, die es schon hinter sich haben. "Anfang Februar kam bei uns auf dem Hof das erste Lamm dieses Jahres zur Welt", erzählt Woyta. Für sie ist es jedes Mal ein kleines Wunder. Inzwischen seien jedoch so viel Nachwuchs dazu gekommen, dass sie den Überblick verloren habe.

Der Zeitraum, in dem die Lämmer zur Welt kommen, verzögert sich in diesem Jahr nach hinten. Zuerst dachten die Mitarbeiter, dass einige Schafe gar nicht trächtig seien. Schlaflose Nächte für die Geschäftsführerin, die Produkte aus Schafsmilch herstellt und vertreibt. Inzwischen die Gewissheit: Es hat bei allen geklappt.

Ein braunes Muttertier trennt sich von den anderen, die gerade die Köpfe zum Fressen im Heu versenken. Sein Körper zuckt, Aufregung im Stall. Falscher Alarm. Das Schaf ist noch nicht bereit für die Geburt. "Man sieht es, wenn die Schamlippen anschwellen", erklärt Reifegerste, die schon bei vielen Geburten dabei war. Sie als Expertin sieht, wie weit es ist, auch ohne das Tier berühren zu müssen.

Nebenan liegt ein Schaf, gehalten von zwei Helfern, auf einer Bahre und bekommt die Klauen geschnitten. Es knarrt, als würde man einen Ast durchschneiden. Blut fließt nur wenig. Nach wenigen Minuten sind alle vier Klauen kürzer. Mama Schaf wird wieder freigelassen. "Während sie trächtig sind, machen wir das nicht. Das wäre zu viel Stress für Mutter und Kind", erzählt Reifegerste. Ein anderes Schaf weiß noch nicht genau, wie es geht und lässt ihr Junges nicht trinken. Johann Oberth weiß, was zu tun ist. Er stellt sich über das Schaf, hält dessen Kopf zwischen den Beinen und stellt das Jungtier an die Zitzen. "Sie macht das zum ersten Mal", erklärt der Mitarbeiter im grünen Arbeitsanzug. Das Kleine saugt gierig. Im vorigen Jahr war die heutige Mutter selbst noch ein Lamm.

In unserer Kultur ist Lammfleisch fest mit dem Osterfest verbunden. Es heißt, schon beim letzten Abendmahl habe es das sogenannte Pessach-Lamm gegeben. Aus der jüdischen Tradition wurde ein christlicher Brauch. Lammfleisch ist vor allem deshalb beliebt, weil es aromatisch und kalorienarm ist. "Es ist einfach gesund", sagt Woyta. Zudem heißt es: Je jünger das Lamm war, desto zarter und feinfasriger ist das Fleisch.

Im Gegensatz zu den Hasen in Form von Schokolade landen die jungen Schafe auch im Kreis Göppingen häufig an Ostern auf der Mittagstafel. Ein Großteil des Fleisches der hiesigen Metzger kommt allerdings aus Neuseeland und nicht von schwäbischen Höfen.

Info Der Waldeckhof ist auch am Osterwochenende für Besucher geöffnet. Woyta und ihr Team wollen vor allem Kindern den Umgang mit Tieren ermöglichen. In den Stall darf jeder, die Mitarbeiter sind auch an den Feiertagen vor Ort. Das Hofcafé hat heute und morgen geöffnet. Am Ostermontag ist es geschlossen.