Göppingen Das große Krabbeln im E-Werk

Den Reigen des Lebens, das Werden und Vergehen von fantastischen Kreaturen stellten die Spieler des Studiengangs Figurentheater Stuttgart bei Odeon im Alten E-Werk dar. Fotos: Hans Steinherr
Den Reigen des Lebens, das Werden und Vergehen von fantastischen Kreaturen stellten die Spieler des Studiengangs Figurentheater Stuttgart bei Odeon im Alten E-Werk dar. Fotos: Hans Steinherr
Göppingen / HANS STEINHERR 21.02.2012
Körper entpuppen sich, finden ihre Glieder. Der Reigen des Lebens beginnt. Mit ausgefallenem Tanztheater und Figurenspiel im Göppinger E-Werk beeindruckte am Sonntag das Stuttgarter Figurentheater.

Halb kullert, halb krabbelt ein eiförmiges Etwas auf die Bühne. Ein großer, luftgepolsterter Kokon, in dessen Innerem es sich regt. Nur das Geräusch einzelner platzender Luftbläschen ist zu hören. Ansonsten herrscht Stille. Es dauert, bis sich das Etwas freigeschält und aufgerichtet hat.

Da ist noch so ein Ding. Nur kleiner. Beine wie abgewinkelte Antennen ragen hervor. Das eine Etwas greift nach dem anderen. Neugierig tastend, fühlend, sich drehend und dabei immer schneller, wilder werdend. Ein Tanz beginnt. Allmählich und dem Rhythmus des Reigens untergeordnet baut sich eine Geräuschkulisse auf. Kratzend, schabend, trommelnd, jaulend. Beide tanzen minutenlang, bis sie entkräftet auf dem Boden liegen bleiben. Die Geräusche verstummen. Spannung, die sich zum Greifen spürbar breit gemacht hat, löst sich im Nu wieder auf.

Die Bühne im Alten E-Werk gehörte am Sonntagnachmittag hässlich schönen Kreaturen und Geschöpfen, von denen man nicht wusste, ob sie nun Mensch oder Insekt darstellen. Verkörpert von acht Studenten eines Studienganges am Figurentheaters Stuttgart, fand ein merkwürdiges Spiel mit seltsamen Figuren statt. Verpuppungs-Variete im Insektarium war bei Odeon angesagt. Geräusche und Musik besorgte die ebenfalls aus Stuttgart kommende "Schädlingskapelle". Es ging um Leben und Tod, um Kommen und Gehen, um Kampf und Spiel. Immer neue Episoden davon wurden, spielerisch tanzend, erzählt. Geschichten und Parabeln vom immerwährenden Wandel, vom Reigen des Lebens, die todernst, mitunter makaber und zugleich humorvoll sind, anziehend und abstoßend. Hier ging es nicht um Gut oder Böse, und auch nicht darum, wer sich durchsetzt. Der besondere Reiz des Figurenspiels lag in der Präsentation scheinbarer Widersprüche und Gegensätze - ohne versteckte Belehrungen darüber, was richtig oder falsch wäre.

Großes Ungeheuer trifft hier auf unbekanntes Gewürm. Mit Respekt. Weil man sich nicht kennt, erst noch beschnuppern muss, um zu erkennen, was man vom anderen erwarten kann oder zu befürchten hat.

Die Ereignisse auf der Bühne spielten sich im Halbdunkel ab, was das Gefühl von Ungewissheit und den Eindruck der Unsicherheit beim Publikum noch betonte. Die Aufführung des Stuttgarter Figurentheaters war kreatives und experimentelles Tanztheater, darauf konzentriert, Fragen zu stellen. Antworten zu finden blieb dem Publikum überlassen. Was ist schön, und was hat ein Anrecht auf Leben? Während man noch beschäftigt war, über das indifferente Verhältnis zwischen Mensch und Insekt nachzudenken, ging die kurzweilige Verpuppungsshow abrupt zu Ende. Ein Mensch stampfte jäh auf den Boden, so als wolle er etwas zertreten.