Göppingen Renate Mutschler hat ihr Büro in der Handtasche

Renate Mutschler ist immer auf Achse. Als Netzwerkerin fühlt sie sich am wohlsten unter Kolleginnen. Seit einem Jahr ist sie eine der drei Sprecherinnen des Interkulturellen Frauenrats.
Renate Mutschler ist immer auf Achse. Als Netzwerkerin fühlt sie sich am wohlsten unter Kolleginnen. Seit einem Jahr ist sie eine der drei Sprecherinnen des Interkulturellen Frauenrats. © Foto: Giacinto Carlucci
Göppingen / Von Annerose Fischer-Bucher 10.04.2018
Die Göppingerin Renate Mutschler kämpft für Frauenrechte und ist in der Flüchtlingsarbeit engagiert.

Sie könne es nicht leiden, „wenn man als Frau nicht für seine Belange kämpft“, sagt die schlanke Frau und schaut schon wieder in ihren Terminkalender. Denn die Göppingerin Renate Mutschler ist ständig unterwegs in ihren vielen Aktivitäten. „Ich habe mein Büro immer dabei“, sagt sie lachend, während sie eine Tasse Cappuccino trinkt.

Sie ist seit einem Jahr eine der drei Sprecherinnen des Interkulturellen Frauenrats in Göppingen und Mitorganisatorin von Veranstaltungen wie dem Internationalen Frauentag. Als Netzwerkerin fühlt sie sich am wohlsten unter Kolleginnen. „Ich selbst kann mich wehren, aber nur gemeinsam sind wir stark“, ist ein Motto von Mutschler, der Solidarität untereinander ganz wichtig ist.

Ungerechtigkeiten regen sie auf und man sieht einen Zorn im Gesicht der ansonsten eher besonnenen Frau aufblitzen, wenn sie über den Syrien-Krieg spricht. Der türkische Präsident Erdogan führe in Syrien völkerrechtswidrig Krieg und niemand positioniere sich. Nicht die deutsche Regierung, die mache nur Deals, und nicht Europa. Sehr couragiert sagt Mutschler, was es denn da noch zu schwätzen gebe bei massivsten Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung. Es seien Maßnahmen gefragt. Ein „Rumeiern und nachher beleidigt sein“ ist nicht ihre Sache, deshalb will sie Menschen überzeugen, von unten her den Druck zu erhöhen, damit endlich der Krieg beendet werde.

Renate Mutschler ist in Kirchheim/Teck geboren und von Beruf Krankenschwester. Ihre Ausbildung hat sie in Esslingen absolviert und danach in verschiedenen Kliniken gearbeitet, bis sie mit ihrem Mann 1977 nach Göppingen zog. An ihm schätzt sie besonders dessen Toleranz. Nach der letzten Arbeitsstelle in der Klinik am Eichert ist sie vor drei Jahren in den Ruhestand gegangen, hilft aber immer noch bei der Dialyse aus. Die 68er hätten sie geprägt und sie habe in der Praxis ihrer Ausbildung eine „klare Positionierung gelernt“. Auch das Elternhaus, und hier insbesondere der Vater, hätten sie ermuntert, immer klar zu sagen, was sie denke, so Mutschler, die mit zwei Schwestern aufgewachsen ist. Wenn sie falsch sei, könne man die Einstellung korrigieren oder sich entschuldigen.

Dass sie nicht nur bei Worten stehenbleibt, zeigt ihre zweimonatige Reise nach Kobane in Syrien im Jahr 2015, wo sie in internationaler Besetzung am Aufbau eines Gesundheitszentrums mithalf. Sie habe viele Frauen an der türkisch-syrischen Grenze kennengelernt, von denen sie beeindruckt gewesen sei, sagt Mutschler. Die Frauen seien sehr stolz gewesen, endlich den IS vertrieben zu haben, und sie setzten sich für Frieden und Demokratie ein. Dabei müssten sich diese Frauen „erst mal von den patriarchalen Strukturen befreien“, fügt sie hinzu. Seit dem Einmarsch der Türkei ist Mutschler deswegen auch im „Solidaritätsbündnis für Nord-Syrien“ aktiv.

Nach der Reise hat sie sich ehrenamtlich beim baden-württembergischen „Projekt für 1000 jesidische Frauen und Kinder“ engagiert und betreut dort hoch traumatisierte Menschen. Hilfe zu mehr Selbstständigkeit und Orientierung in Deutschland ist ihr hierbei besonders wichtig. „Sozialarbeitermentalität“ mag sie gar nicht, denn „ich will ihnen helfen, damit sie es dann selbst können“, sagt sie.

Mutschler weist zudem auf ein Buch hin mit dem Titel „Frauen Afrikas erheben sich“, das 2017 erschienen ist. Da sie auch im Frauenverband „Courage“ aktiv ist, hätten die Göppinger Mitglieder zu diesem Buch eine besondere Beziehung. Sie hätten einen Teil des Buches mit dem Untertitel „Westsahara“ ins Deutsche übertragen und sie haben ihre direkte Ansprechpartnerin Fatma Mehdi Hassam eingeladen, über die Situation dort zu berichten. „Die Frauen müssen dort etwas verändern und das tun sie auch“, sagt Mutschler und beschreibt die Arbeit in den Flüchtlingscamps und den Friedensmarsch der Frauen zur „Schandmauer“ zwischen Marokko und der Westsahara.

Ob bei diesen vielen Aktivitäten noch Zeit für Privates bleibt, das bejaht die schlagfertige rüstige Rentnerin. Sie sei gerne in der Natur und sie mache bei den Naturfreunden manchmal im Boßlerhaus noch Hüttendienst. Und sie ist schon wieder an ihrem Terminkalender, um ja keine ihrer vielen Aktivitäten zu versäumen.

Porträtreihe über starke Frauen im Landkreis

Jubiläum In diesem Jahr feiert der Landkreis Göppingen seinen 80. Geburtstag, zudem wird das Frauenwahlrecht 100 Jahre alt. Die NWZ veröffentlicht aus diesem Anlass die Porträtreihe „Starke Frauen“, die im Landkreis als „Heldinnen des Alltags“ oft im Verborgenen Großartiges leisten. Ob die Pflege von Angehörigen, herausragende Leistungen als Unternehmerin, Künstlerin, Politikerin und Sportlerin oder unermüdliches Engagement im Ehrenamt – die Serie soll Frauen und ihre Arbeit zeigen. Bisher wurden in dieser NWZ-Serie Ilse Birzele, Barbara Küpper, Susanne Weißkopf, Caroline Märklin, Lena Urbaniak, Claudia A. Schlürmann, Angeline Fischer, Margret Hofheinz-Döring und Marga Lorch vorgestellt.

Kooperation Die Serie „Starke Frauen“ erscheint in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Göppingen, Lidwine Reustle, dem Kreisfrauenrat und der Geislinger Zeitung. Die Frauen-Porträts erscheinen in loser Folge das ganze Jahr über.

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