Unternehmen Letzter Arbeitstag für Ingrid Tepel

Ingrid Tepel übergibt ihr Unternehmen nach mehr als 50 Jahren an Steffen Dabberdt. Dieser sagt: „Das Feld ist gut bestellt.“
Ingrid Tepel übergibt ihr Unternehmen nach mehr als 50 Jahren an Steffen Dabberdt. Dieser sagt: „Das Feld ist gut bestellt.“ © Foto: Axel Raisch
Göppingen / AXEL RAISCH 05.05.2017
Nach mehr als 50 Jahren übergibt Ingrid Tepel ihren Göppinger Dachdeckerbetrieb an Steffen Dabberdt.

Im Jahr 1984 wurde das Jahr der Frauen ausgerufen – in Südafrika. Für die „DDR“ brach der letzte Fünfjahresplan an und in Göppingen wagte eine Frau Anfang 40 den Sprung ins kalte Wasser. Schlimmer noch, in eine Männerdomäne.

Ingrid Tepel hatte 1966 zusammen mit ihrem Mann in Göppingen einen Gipserbetrieb gegründet. Rund zwanzig Jahre später trennte sich das Ehepaar, er schied aus dem Unternehmen aus. Geblieben ist bis heute lediglich sein Vorname im Firmenschild. Die resolute Frau aus dem Ruhrpott entschloss sich, das Unternehmen an neuem Standort alleine weiterzuführen. Bei der Sonnenbrücke war der Betrieb, der Anfang der achtziger Jahre um die Dachdeckersparte und später noch den Flaschnerbetrieb erweitert wurde, ins Gewerbegebiet in der Autenbachstraße gezogen.

Die Urteile waren schnell gesprochen. „Die schafft das nie“, klingelt es noch heute in Ingrid Tepels Ohren. „Attraktiv, temperamentvoll, die sucht sich jemand anderes, hat alles andere im Kopf aber nicht den Betrieb“, so hätte die Prognose eines führenden Vertreters der Stadtverwaltung gelautet, erinnert sich die dreifache Mutter.

Sie strafte alle Lügen. Mit einer Frau („Der einzigen im ganzen Kreis in einem solchen Unternehmen damals!“) anstatt eines Gipser- und Dachdeckermeister an der Spitze war das Unternehmen weiterhin erfolgreich. Aber die gestandenen Handwerker – konnten die Mitte der 80er Jahre eine Chefin akzeptieren? „Problemlos“, stellt Ingrid Tepel in einer derart kompromisslosen Art klar, dass man schnell erkennt, dass die Frage in diesem Falle dumm war. Zum reibungslosen Übergang habe auch ihre Erfahrung als Handwerksmeisterin gesorgt, erzählt die scheidende Chefin.

Und, sie sei Widder, bekennt Ingrid Tepel. Dass sie mit dem Kopf nicht durch die Wände geht, liegt wohl daran, dass sie ein zu deckendes Dach tragen könnte. Sie scheint die geborene Unternehmerin alter Schule zu sein, die persönliche Interessen stets dem Betrieb und dessen Mitarbeitern untergeordnet hat. Die also das Gegenteil der Vorurteile ist, die ihr einst entgegenschlugen. 23 Jahre ohne Urlaub: Welcher tarifvertragsbewusste Arbeitnehmer kann sich dies auch nur annähernd vorstellen?

Sie hat über die Jahrzehnte alle Veränderungen und Spezialisierungen der Rahmenbedingungen und der Branche mitgemacht, etwa beim Thema Solartechnik. Daneben engagierte sich Ingrid Tepel auch als Bezirksbeirätin in Faurndau und in der Mittelstandsvereinigung der Union.

Nun übergibt sie ihr Unternehmen und seine 12 Mitarbeiter in neue Hände. Auch dies gelang der Patriarchin in beneidenswerter Weise. Wo andere – ebenfalls gut aufgestellte Firmen – aufgrund mangelnder Nachfolge aufgeben müssen, hat sie einen Mitarbeiter als Käufer des Unternehmens gefunden. Steffen Dabberdt ist Dachdecker- und Flaschnermeister und freut sich über die Chance und auf die Herausforderung: „Das Feld ist gut bestellt“, sagt er mit der Überzeugung etlicher Arbeitsjahre im Betrieb. Auch der dreifache Vater bringt nicht nur Verantwortungsbewusstsein und fachliches Können sondern genauso Willen und Ausdauer mit. Der 52-jährige gebürtige Sachse war 1989 aus der „DDR“ in den Westen übergesiedelt. Fünf Jahre, ab dem Tepel und Dabberdt verbindenden Entscheidungsjahr 1984, hatte er mit seiner Familie auf die Genehmigung des Ausreiseantrags gewartet. Eine Nachfolge aus Reihen der 15, 18 und 20 Jahren alten Nachwuchses für den Betrieb der künftig Tepel-Dabberdt heißen wird, sei denkbar, sagt Dabberdt.

Eine Fortführung des elterlichen Betriebs aus Reihen der Familie Tepel kam nicht in Frage. Die Töchter sind fernab, thematisch und regional. Sohn Thorsten ist zwar Architekt und selbständiger Dachdeckermeister mit einem 30 Mann-Betrieb in Stuttgart. Sie habe ihm jedoch abgeraten. Die Distanz sei zu groß.

Bald kann Ingrid Tepel nachholen, was bisher nicht möglich war. Sie kocht und backt leidenschaftlich gern und möchte viel nachholen: „Reisen!“. Welche Ecken sollen erkundet werden? „Die Welt!“ Natürlich. Genug der dummen Fragen.

12

Mitarbeiter und das Unternehmen übergibt Ingrid Tepel an ihren Nachfolger. Er war selbst Mitarbeiter in der Göppinger Firma.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel