Thomas Scherer ist über den Berg. „Ich fühle mich jeden Tag besser, mache Atemtraining und blase fleißig Luftballons auf“, erzählt der 56-Jährige am Telefon. Übungen fürs tiefe Atmen gehören ebenso zum Programm wie Gymnastik, um wieder Muskeln aufzubauen. „Ich merke die Fortschritte“, sagte der Mann aus Wangen. Dankbarkeit schwingt mit, wenn er von den vergangenen Wochen erzählt. Dankbarkeit dafür, dass er lebt und aller Wahrscheinlichkeit nach wieder ganz gesund wird. Dankbarkeit dafür, dass die Familie, Freunde, Mitarbeiter und Kollegen in der schweren Zeit für ihn da waren und ihm Halt und Zuversicht gegeben haben. Und Dankbarkeit dafür, dass er sich bei Ärzten und Pflegepersonal der Klinik am Eichert jederzeit gut aufgehoben gefühlt hat.

Beim Sohn angesteckt

Thomas Scherer braucht keinen Kalender, wenn er von seinen Erlebnissen seit Mitte März berichtet. „Mein Sohn war zuerst erkrankt, bei ihm habe ich mich infiziert“, sagt er. Am 15. März  habe sich die Familie daher vorbeugend in Selbstquarantäne begeben. Sein Sohn wurde am Folgetag auf den neuartigen Coronavirus getestet. Das Ergebnis fiel positiv aus.

„Am selben Tag bekam ich erste, leichte Symptome“, erinnert sich Scherer, die Beschwerden verschlimmerten sich bis zum 19. März zunehmend. Fieber, ausgeprägter Husten. „Dann ging es ab“, sagt der Geschäftsführer eines Unternehmens, der sich bis zu diesem Tag wenig Ruhe durch seinen Beruf gegönnt hatte.

Sein Zustand verschlechterte sich zusehends. „In der Nacht von Samstag auf Sonntag habe ich dann gedacht: Mit der Atmung, das passt nicht mehr so.“ Mit dem Krankenwagen ging es in die Klinik, noch am Tag der stationären Aufnahme wurde Scherer auf die Intensivstation verlegt. „Dort war ich vom 22. bis zum 30. März. Zwei Tage wurde ich beatmet und lag im künstlichen Koma“, erzählt er. Seine Familie habe bange Stunden durchlebt. Er selbst beschreibt diese Tage als „sehr intensive Erfahrung“, in seinem Leben war ihm bis dato eine intensivmedizinische Behandlung erspart geblieben.

Corona-Geschichte öffentlich machen

In der Zeit nach der Beatmung, als er wieder bei Bewusstsein war, habe er wahrgenommen, „was die Ärzte und das Pflegepersonal alles können und wissen“, sagt er beeindruckt. Er habe sich daher entschlossen, in Abstimmung mit der Klinik, seine Geschichte öffentlich zu machen, „um dem medizinischen Fachpersonal etwas zurückzugeben“.

Die Extubation, also die Entfernung des Beatmungsschlauches, war körperlich ein Schritt in die richtige Richtung, in Richtung Genesung. Aber emotional seien die beiden ersten Tage danach – immer noch auf der Intensivstation – eine Achterbahnfahrt gewesen. „Ich hatte eine richtige Krise, war mental richtig unten“, schildert der 56-Jährige seine psychische Gesundheit. „Glücklicherweise hatte ich mein iPhone mit Ladekabel dabei. Das war eine Möglichkeit, mit Freunden und der Familie in Kontakt zu treten, die mir aufmunternde Nachrichten geschickt und mich motiviert haben.“

Regelmäßige Pulskontrolle

Wenig später sei der „Turn­around“ gekommen. „Ich habe ­realisiert: Du hast das Schlimmste hinter Dir. Da hat es dann Klick ­gemacht im Kopf.“ Seitdem schaue er positiv nach vorne, fühle sich zunehmend vitaler, hat mehr Kraft und Energie. „Und je gesünder man sich fühlt, desto mehr Antrieb hat man wieder.“ Auch wenn die Smartwatch mit Pulskontrolle und ein Gerät zur Messung der Sauerstoffsättigung sein täglicher Begleiter sind – genauso wie Ungeduld, räumt er schmunzelnd ein.

Stuttgart/Kernen/Göppingen/Blaubeuren

Corona kann jeden treffen

Thomas Scherer ist ein Beispiel dafür, dass ein schwerer Verlauf von Covid-19 jeden treffen kann. Er sei kein klassischer Risikopatient – weder vom Alter noch von Vorerkrankungen her, sagt Dr. Timo Deininger, Leitender Arzt der Pneumologie und Beatmungsmedizin in der Klinik am Eichert. Ob Scherer die Krankheit komplett ohne Folgen hinter sich bringen wird, bleibe abzuwarten, sagt der Mediziner. „Aber vom Verlauf her bin ich ganz guter Dinge, dass er sich vollständig davon erholt.“ Untersuchungen wie Computertomographie und Lungenfunktionstests gehörten zur Nachsorge dazu.

Dauerhusten als Spätfolge von Corona

Nicht selten beobachten die Ärzte aber nach schweren Verläufen der Lungenkrankheit eine bronchiale Überempfindlichkeit, das heißt es bleibt ein Husten. Scherer sei einer der ersten Patienten gewesen, bei dem die Infektion nicht glimpflich abgegangen ist. „Wir waren gut vorbereitet und hatten uns intensiv mit dem Krankheitsbild beschäftigt“, sagt Deininger. Bis jetzt sei die Situation so, dass jeder Patient „auf einer guten und vernünftigen Basis individuell betreut werden kann“. Damit das so bleibt, müsse die Bevölkerung den Virus ernst nehmen und die Regeln einhalten. „Die Katastrophe tritt ein, wenn wir die Patientenzahl nicht mehr geordnet abarbeiten können. So wie in Italien.“

„Kein Spaziergang, wenn Corona einen erwischt“

Dass manche Menschen den Erreger noch immer herunterspielen, dafür fehlt sowohl dem Arzt als auch dem Patienten das Verständnis: „Ich kann nur sagen: Wenn es einen erwischt, ist das beileibe kein Spaziergang“, sagt Scherer, der am 1. April die Klinik verlassen hat. Das Gesundheitsamt hat ihm danach noch zwei Wochen Quarantäne verordnet. Da bleibt viel Zeit, um über das eigene bisherige Leben nachzudenken. Er nehme sich vor, sich künftig mehr Zeit für sich und die Familie zu nehmen. Er weiß aber auch: „Die Kunst ist, das, was man sich überlegt, auch umzusetzen.“