CONTRA: Wiesensteig wird Rummelplatz

Andreas Pohl: Beim Baum- wipfelpfad wird die Natur für Kommerz und Erlebnis- Tourismus geopfert.
Andreas Pohl: Beim Baum- wipfelpfad wird die Natur für Kommerz und Erlebnis- Tourismus geopfert.
ANDREAS POHL 18.02.2012

Der geplante Baumwipfelpfad wird nicht nur die bisher so rosig umschriebenen Vorteile haben, sondern auch zu Belastungen der bislang einzigartigen Wiesensteiger Natur und der Bevölkerung führen. Selbst bei gering geschätzten Besucherzahlen ist es eine Milchmädchen-Rechnung, was uns der Landkreis mit diesem sogenannten Aushängeschild vorgaukelt. So werden "an guten Tagen" mehrere tausend Besucher erwartet. Bei den Menschenmassen, die auf Wiesensteig und seinen Wald einfallen werden, bleibt am Ende der Artenschutz an einem der schönsten Fleckchen Natur auf Wiesensteiger Markung auf der Strecke. Sämtliche Waldparkplätze im Bereich Wiesensteig, ob Papiermühle, Reußenstein, Neidlinger Steige, oder Bahnhöfle werden völlig überlastet sein, was an schönen Wochenenden vor allem im Bereich Papiermühle jetzt schon der Fall ist.

Zudem sollte klar sein, dass der hier ebenfalls geplante Bau eines gastronomischen Betriebs gewiss nicht zur Förderung der bereits vorhandenen heimischen Gastronomie beitragen wird. Das mit seiner einzigartigen Landschaftsform für seine Stille und Ruhe bekannte Wiesensteig wird angesichts des zu erwartenden Besucherdrucks ein großer Rummelplatz. Und das alles nur, weil ein Großinvestor seine Kassen klingeln sieht, nicht weil er der Stadt und dem Landkreis etwas Gutes tun möchte. Viel sinnvoller wäre es, den Besuchern fachkundige Führungen durch Vertreter von Naturschutz, Jagd, Land- und Forstwirtschaft sowie weitere kompetente Personen anzubieten. So können Wiesensteigs Naturschönheiten und ihre Bewirtschaftung unter Berücksichtigung der ökologischen Gegebenheiten im Rahmen eines "sanften Tourismus" viel besser vermittelt werden.

Außerdem sollte man beachten, dass es in diesem Bereich fast nur Buchen gibt. Ein 1,3 Kilometer langer Waldwipfelpfad wird niemals elementare Waldzustände aufzeigen, weil man hier nur Buchenkronen bestaunen kann und mehr nicht. Bedenkt man, dass die meisten Waldbesucher Bäume nicht einmal vom Boden her kennen, ist der Wipfelpfad noch absurder!

Das einzige Erlebnis für die meisten ist doch in erster Linie der "Kick", fernab vom Boden in luftiger Höhe einen weiteren Nervenkitzel zu erleben. Zugegeben, mit einem gigantischem Blick in Richtung Stuttgart, den es von der Burgruine Reußenstein allerdings schon jetzt gibt - und zwar umsonst. Willkommen im Dschungelcamp!

Dass ausgerechnet das Forstamt eine solche Maßnahme noch unterstützt und diesen herrlichen Wald auch für Bebauung opfern will, ist ebenfalls nicht nachvollziehbar.

Der geplante Baumwipfelpfad ist ein kapitaler Eingriff in die Landschaft, bei der die Natur auf der Strecke bleibt. Hauptsache der Mensch kann einmal mehr seinen ungezügelten Drang nach immer noch mehr "absurden Events" befriedigen. Info: Andreas Pohl ( 51) ist Leiter und Inhaber des Jagd- und Naturschulzentrums in Wiesensteig. Außerdem ist Pohl Vorsitzender des Wiesensteiger Gewerbe- und Fremdenverkehrsvereins.