Liedermacher sein, das ist für Gunther Rall eine neue Erfahrung. Denn mit dem Texten und Komponieren deutschsprachiger Lieder im Stile eines Konstantin Wecker hat er erst vor drei, vier Jahren begonnen. "Das Lied ist für mich das musikalische Ausdrucksmittel des Menschen schlechthin", sagt der 43-Jährige, den man in Göppingen vor allem als Chorleiter des Liederkranzes kennt. Heute stellt Rall im Alten E-Werk seine erste CD "Lebenslieder" vor.

Dass ein ganzer Abend mit "Lebensliedern" für die Zuhörer nicht nur unterhaltsam, sondern auch anregend und aufwühlend sein kann, dieses Feedback bekam Gunther Rall Anfang des Monats bei der Präsentation seiner taufrischen Liedersammlung in Böblingen, wo er seit 17 Jahren an der dortigen Waldorfschule als Musikpädagoge und Klassenlehrer tätig ist. Um den Auftritt aufzulockern, baute er an den beiden folgenden Terminen Teile seines Kabarettprogramms "Mann am Rand" ein. Der Stimmung tats gut. "Das war für mich wie ein Geburtsprozess", sagt Gunther Rall.

Eine interessante Erfahrung muss das für ihn gewesen sein, denn eigentlich hatte Rall sein Kabarettistendasein - rund vier Jahre hatte er sich damit beschäftigt - an den Nagel gehängt. "Die Intention damals war ähnlich jener jetzt bei den Liedern. Mir ging es darum, den Menschen in all seinen Facetten und mit all seinen Schwächen zu zeigen." Der Unterschied: Für das Kabarettprogramm arbeitete er viel mit schwarzem Humor, bisweilen gar Sarkasmus, fühlte in wechselnden Rollen Teilnehmern einer Männertherapiegruppe auf den Zahn - hier der Hypochonder, da der Melancholiker. Vorbild war ihm dabei der Klavierkabarettist Bodo Wartke, den Rall vor knapp zehn Jahren nicht nur über dessen TV-Auftritte, sondern auch privat kennenlernte und der in seinen Programmen charmante Alltagsbeobachtungen und Komplikationen zwischenmenschlichen Miteinanders aufwirft.

Rall selbst bekam allerdings mit der Zeit mehr und mehr das Gefühl, dass dieser kabarettistische Ansatz für ihn nicht stimmig sei. "Ich kanns nur, wenns echt ist", weiß er heute. Doch bis die ersten Texte standen, zerknüllte er mitunter einige Notizblätter. Das aus seiner Sicht Schwierige: den Mut zu finden, die ernsten Themen und Dinge richtig ausdrücken zu können. Seit er drin ist in der Materie, scheinen ihm die Texte wie von allein zuzufliegen. "Viel entsteht unterwegs, während der Hohlstunden in der Schule, vor oder nach den Proben mit meinen insgesamt sieben Chören, die Texte sind plötzlich da - erst später kommt dann die Melodie dazu", sagt Rall. Tänzerisch und phasenweise verspielt singt der Vater von sechs Kindern über die unbeschwerte Zeit des Kindseins, verträumt klingt seine Hommage an das von ihm so geliebte Meer (Urlaub macht er bevorzugt an der toskanischen Küste), blues-gefärbt ist das Lied "Vater", dessen Idee ihm auf einem Konzert Konstantin Weckers, den er schon als 13-Jähriger bewunderte, gekommen ist. Nicht fehlen dürfen auch Liebeslieder.

Dass sich Rall in diese Richtung entwickeln würde, das hatten vor rund 25 Jahren schon die Mitstreiter seiner damaligen Schülerband am Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden-Echterdingen geahnt. "Der macht bestimmt was allein", prophezeiten sie dem Vordenker und Keyboarder der Gruppe "Finnigans Wake" (nach James Joyce" letztem Roman), die Bands wie Genesis nacheiferte. Für diese Band schrieb der Jugendliche Gunther Rall seinerzeit eine Rockoper, die mehrfach in der Filderhalle aufgeführt wurde. "Das war ein Riesending damals", blickt er zurück.

Rall kann sich gut vorstellen, auch seine aktuellen neuen Lieder nicht nur mit Klavierbegleitung, sondern erweitert um zusätzliche Klangfarben aufzuführen. "Schon beim Schreiben fallen mir andere Instrumente und Stimmen ein, ideal fände ich einen Begleitmusiker, der zum Beispiel Cajon oder Geige spielt", sagt der Liedermacher. Was seine poetisch angehauchten und voller Bilder steckenden Texte anbelangt, so vermeidet Rall darin anthroposophisches Vokabular. Von der Aussage jedoch, das ist ihm bewusst, findet sich Rudolf Steiners spirituelle Weltanschauung und ganzheitliche Betrachtungsweise dennoch darin wieder. Etwa gleich der erste Song des Albums: "Es tut gut, mit dem Leben zu treiben, nicht bei dem, was vorbei ist, zu bleiben", heißt es darin. Gunther Rall spricht da aus eigener Erfahrung.

Info Seine CD "Lebenslieder" stellt Gunther Rall heute ab 20 Uhr im Alten E-Werk in Göppingen vor. Infos und Hörbeispiele finden sich unter www.rall-lebenslieder.de.