Chaos im Kinderzimmer

BEATE ROSE 14.06.2012
Schlampig sei sie, sagen viele Leute zur zehnjährigen Nina, die uns bereitwillig ihr unaufgeräumtes Zimmer gezeigt hat. Und warum schafft sie keine Ordnung? Weil aufräumen so langweilig ist, sagt Nina.

Es gibt ordentliche und unordentliche Kinder. Nina (10) zählt sich selbst zu jenen, denen "das Aufräumen einfach keinen Spaß macht". Bereitwillig öffnet sie die Tür zu ihrem Kinderzimmer - auch, um zu erzählen "wie blöd und langweilig das Aufräumen ist".

Im Zimmer siehts nach Chaostagen aus: Unterhosen und Notenblätter liegen verstreut auf dem Boden, auf dem Schreibtisch türmen sich Papier und Plastiktüten, das Bett ist nicht gemacht, der Schulranzen liegt geöffnet mitten im Zimmer und überall sind Kleidungsstücke verstreut.

Wie lange ist das Zimmer nicht aufgeräumt worden? "Zwei Wochen", sagt Nina." "Quatsch, nur drei Tage nicht", sagt ihr Vater. Nina wohnt zusammen mit Mutter, Vater und ihrer zwei Jahre älteren Schwester in einem alten Haus. Dem Kind selbst stört die Unordnung nicht besonders, denn Nina hat ihren Weg gefunden, um damit klarzukommen. Die Hausaufgaben erledigt sie eben nicht am unaufgeräumten Schreibtisch in ihrem Zimmer, sondern in der Küche. Im Zimmer selbst hält sich Nina gar nicht so häufig auf, sondern eigentlich nur zum Schlafen.

Nina erzählt, dass sie versuche, einmal in der Woche, meistens freitagnachmittags, aufzuräumen. "Das scheitert aber daran, dass ich mich lieber mit meinen Freundinnen treffe". Und ihre Mutter? Die sage schon, "bei dir siehts aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen." Aber das mache Nina nicht so viel aus - zumal sie eine Freundin habe, die auch so unordentlich sei wie sie

Ninas Mutter hingegen ist ratlos. Schließlich räumt Ninas ältere Schwester von allein und selbstständig ihr Zimmer auf, und putzt, bis es blitzt. "Ich denke oft darüber nach, was ich anderes gemacht habe. Vielleicht habe ich mir für Nina zu wenig Zeit genommen", sagt die Mutter. Als nur die älteste Tochter da war, habe sie noch mehr Zeit gehabt für Dinge wie vorlesen oder gemeinsam aufzuräumen. Als dann Nina auf die Welt kam, blieben viel Dinge einfach stehen und liegen. Zumal Ninas Mutter Teilzeit und der Vater Vollzeit arbeitet. Daher sagt die 40-Jährige: "In der Woche bin ich eigentlich Alleinerziehende."

Ärger um die Ordnung im Kinderzimmer, hört Bettina Müller, Psychologin bei der psychologischen Beratungsstelle beim Kinderschutzbund Ulm/Neu-Ulm, eigentlich in jedem Kurs über Erziehung oder Beratungsgespräch. Ihr Rat lautet: Gucken, wie das Kind tickt. "Die meisten Kinder finden die Anweisung "räum jetzt auf" schlichtweg zu abstrakt." Deshalb muss das Aufräumen geübt werden, gerade mit Kindern, die eher chaotisch veranlagt sind. Müller: "Manche Kinder können keine Ordnung halten, manche keine Ordnung schaffen."

Damit Nina Ordnung lernt, räumt ihr die Mutter nicht mehr hinterher. "Sie ist zehn, andere Mädchen übernehmen da schon Arbeiten im Haushalt." Dennoch weiß sie auch: "Soll Nina aufräumen, weiß sie gar nicht, wo sie anfangen soll."

Müller spricht davon, dem Kind nicht zu viel Verantwortung zu übertragen. Denn dann fühle es sich alleine gelassen und überfordert. Aufräumen mache den meisten Menschen schlichtweg keinen Spaß, dennoch sei es notwendig, deshalb solle Aufräumen zu einem Ritual werden. "Aber bis es so weit ist, braucht es Zeit". Täglich etwa zehn Minuten vor dem Abendessen aufzuräumen sei besser als es in Hektik zu probieren, etwa vor dem morgendlichen Aus-dem-Haus-gehen.

Für Bettina Müller lautet das Ziel: "Die Kinder sollen einen inneren Bezug zur Ordnung bekommen." Im Übrigen sei es wichtig, dass die Eltern ihren Sinn für Ordnung überprüfen, denn Kinder orientieren sich an Vorbildern.

Doch Nina wünscht sich zunächst nur eines: "Jemand sollte einen Aufräum-Roboter erfinden."