Göppingen Chance beim Schopf gepackt

Göppingen / SABINE HEISS 31.12.2013
Vor über 130 Jahren begann in Göppingen die Erfolgsgeschichte der Gelita AG. Der Betrieb einer Gelantinefabrik der Gebrüder Koepff, die aus einer kleinen Gerberei hervorging, wurde 1883 genehmigt.

Mit der Auflage, den Göppinger Mühlkanal durch Abwasser nicht zu verunreinigen, genehmigte die Königliche Kreisregierung Ulm am 27. Februar 1883 auf dem so genannten Nonnenwasen den Betrieb einer Gelatinefabrik. Damit legten die Gebrüder Koepff den Grundstein für eine mittlerweile 130-jährige Erfolgsgeschichte in der Produktion dieser leimartigen Substanz ohne Geschmack - ein natürliches Lebensmittel, das aus dem Bindegewebe verschiedener Tierarten gewonnen wird, bestehend aus reinem Eiweiß und daher frei von Fett und Kohlenhydraten.

Vorausgegangen war der Gründung der "Firma Gebrüder Köpff" die kleine Gerberei von Heinrich Koepff an der heutigen Großeislinger Straße. Gebeutelt unter anderem von der damaligen Wirtschaftskrise, sah er in der Gelatineherstellung einen Ausweg aus seiner Misere. Denn der Rohstoff hierfür konnte günstig erworben werden, da er in den Großgerbereien als Restmaterial anfiel.

Die Verarbeitung dieses Bindegewebes zu einer glasklaren gelierten Masse, die ursprünglich nur im Lebensmittelbereich eingesetzt wurde, war damals noch reine Handarbeit und sehr zeitaufwändig. Die frischen Knochen und das Hautmaterial mussten viele Stunden gekocht werden, um einen Sulz entstehen zu lassen. Getrocknet werden konnte dieses Gelee früher jedoch nur, wenn das Wetter gestimmt hat, da eine niedrige Temperatur für den Erfolg ausschlaggebend ist.

Die Modernisierung dieses aufwändigen Verfahrens begann erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Bis dahin waren im Göppinger Gelatinewerk 100 Frauen alleine mit dem Trocknungsprozess beschäftigt, der mithilfe von Holzbottichen und Trocknungshorden bewerkstelligt wurde. Der Erfolg stellte sich für Heinrich Koepff recht schnell ein. Mit etwa 60 Mitarbeitern produzierte er 1884 bereits Fotogelatine. Im 19. Jahrhundert war Gelatine ein wichtiger Stoff für die Fotographie, die damals aufkam. Die Gelatine wurde benutzt, um die Filme und Fotopapiere zu beschichten. Diese Verwendung machte ungefähr die Hälfte der Produktion damals aus.

1887 erwarben die Gebrüder Koepff die Konkurrenzfirma A. & C. Wolff in Heilbronn, um die steigende Nachfrage zu bedienen, die das Resultat der guten Qualität der Koepff-Gelatine war. Um die Jahrhundertwende arbeiteten in den beiden Werken schon ungefähr 320 Mitarbeiter, die im Jahr 400 Tonnen Gelatine produzierten. Am 17. Februar 1901 wurde diese Erfolgsgeschichte jedoch durch eine Tragödie unterbrochen. Ein Großbrand vernichtete einen Großteil des Göppinger Werkes, das eine Weiterführung des Betriebes unmöglich machte. Zwar konnten die angenommenen Bestellungen über das Werk in Heilbronn abgewickelt werden, doch beim Wiederaufbau des Göppinger Standortes zerstritten sich die Brüder.

So ging Heinrich Koepff nach Heilbronn und Paul Koepff führte das wieder aufgebaute Werk unter dem Namen "Göppinger Gelatine-Fabrik Paul Koepff" alleine weiter. 1908 erhielt sein Werk dann auch einen Gleisanschluss, so dass die Ware nicht mehr auf offenen Wagen vom Bahnhof zur Fabrik gefahren werden musste.

Doch der ständige Ausbau der Firma, wie die Übernahme der benachbarten Firma G. Fetzer, und eine schwere Krankheit zwangen Paul Koepff im Jahr 1911 zum Verkauf des Werkes an die DGF AG. Als größter Einzelaktionär saß Paul Koepff von nun an im Vorstand der DGF AG und leitete seine ehemalige Firma als Direktor weiter. Das Unternehmen modernisierte ihre insgesamt drei Werke in Schweinfurt, Höchst und Göppingen kontinuierlich. 1929 übernahm Paul Koepff jr. die Leitung des Werkes in Göppingen von seinem Vater. Als dieser 1953 beim Skifahren einem Herzinfarkt erlag, wird der Verantwortungsbereich seines Bruders Heinrich ausgeweitet.

Er wurde nach dem Krieg Geschäftsführer beim Unternehmen Stoess in Eberbach. 1949 baute er dort gemeinsam mit einer amerikanischen Firma als eines der ersten deutsch-amerikanischen Joint Ventures nach dem Zweiten Weltkrieg eine Gelatinekapselfabrik. Das damit verdiente Geld steckte Heinrich Koepff in die Modernisierung der Werke.

Im Laufe der Jahrzehnte kaufte die DGF AG verschiedene Werke, unter anderem in den USA hinzu und wird selbst 1965 durch die "Chem. Werke Stoess" in Heidelberg übernommen. In diesem Jahr übernahm Heinrich Koepff die Aktienmehrheit des Göppinger Werkes und durch die Hochzeit mit der Enkelin des Firmengründers, Gerda Stoess, gab es auch einen persönlichen Zusammenschluss der beiden Firmen. 1972 kommt es zur unternehmensrechtlichen Vereinigung zur DGF Stoess & Co. GmbH, die 1989 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Diese Unternehmensform besteht bis zum heutigen Tag. Auch der Name der DGF Stoess AG für den Bereich der Gelatineproduktion hat sich im Jahre 1999 zur Gelita Gruppe geändert. Aktuell arbeiten für die Gelita Gruppe ungefähr 2500 Mitarbeiter in 18 Werken weltweit. In Göppingen selbst sind noch 86 Mitarbeiter beschäftigt.

Wer weiß noch was über alte Industriebetriebe?
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