Es ist Freitag 6.30 Uhr. Der Wecker klingelt. Mein erster Gedanke: Bio-Beutel. Ich gehe nochmal meine Fragen, die ich den beiden Mitarbeitern des Abfuhrunternehmens Heilemann stellen könnte, im Kopf durch. Heute ist der zweite Versuch, das Bio-Beutel-Abfuhrteam zu begleiten, um mir für eine Reportage ein Bild davon zu machen, wie viele Beutel auf den Göppinger Straßen liegen und wie’s läuft.

Es ist 8 Uhr: Ich rufe den Chef des Abfuhrunternehmens an. Wir vereinbaren den Treffpunkt an der Stadthalle in Göppingen. Von dort aus soll ich dann im Müllwagen mitfahren. Momentan sei das Auto in der Ziegelstraße unterwegs, dort solle ich hingehen. Gesagt, getan. Ich bin da, der Müllwagen nicht. Hier stinkt was. Ich rufe die Sekretärin des Unternehmens an, die mir versichert, dass mich die Kollegen gleich abholen werden und ich warte . . . Nach 30 Minuten stehe ich immer noch alleine da. Mir ist heiß und ich suche Schatten. Plötzlich spüre ich Wasser in meinem Rücken. Ich schaue nach oben und sehe eine ältere Dame, die ihre rot-gelben Blumen auf dem Balkon gießt und dabei fröhlich vor sich hin summt. Okay, heute ist nicht mein Tag, aber es ist ja nur Wasser. Von weitem sehe ich den Abfallwagen, der auch sofort wieder hinter den Häusern verschwunden ist.

Wütend rufe ich erneut die Sekretärin an und frage, wo der Abfuhrwagen jetzt hinreise. Genervt antwortet sie: An der Schillerstraße werde der Wagen fünf Minuten auf mich warten, danach müsse er weiter fahren, um den Zeitplan einzuhalten.

Jetzt beginnt die Jagd nach dem großen Schatz, dem Bio-Beutel-Mobil. Ich habe genau fünf Minuten. Fünf Minuten, die alles entscheiden werden. Also renne ich los und merke nach 20 Metern, dass mir die Puste ausgeht. Jetzt bedauere ich die Pizza Margarita gegessen zu haben, die ich mir am Abend davor von meinem Eislinger Lieblingsitaliener liefern ließ. In dem Moment fällt mir ein, dass noch zwei übrige Pizza-Stücke im Kühlschrank sind. Das motiviert mich und ich renne weiter. Freihofstraße, Marstallstraße und Rosenstraße, aber keine Schillerstraße in Sicht. Ich frage Passanten, die mich verwirrt und mitleidig anschauen. Ich brauche kein Mitleid, bedanke mich und renne entschlossen weiter. Noch genau zur nächsten Straßenecke, dann kann ich wirklich nicht mehr und beschließe, dass ich die verbleibenden drei Minuten auch mit schnellem Gehen schaffen kann.

Außer Atem muss ich mich an der Schillerstraße entscheiden, nach oben oder unten zu laufen. Wer hätte gedacht, dass die Straße so lang ist. Und da ist er, der weiße Wagen mit Müll. Ich renne hechelnd und winkend hinterher. Was bleibt, ist ein leicht, fauliger und unangenehmer Duft. Soll ich nun einfach dem Geruch folgen, um den Wagen zu finden? Da sehe ich einen verlassenen Bio-Beutel an der Ecke stehen und bin mir sicher, dass sie diesen Beutel und mich gleich abholen werden. Ich werde enttäuscht.

Irgendwie süß, wie der Beutel da so alleine vor sich hin stinkt, denn auf der Straße ist weit und breit kein weiterer Bio-Beutel zu sehen, leider auch kein Abfallwagen. Ich betrachte den Beutel von Nahem, um zu sehen, ob die Leute wirklich recht haben, wenn sie sagen, dass ihr Bio-Beutel lebt. Der Ekel-Effekt steigt, aber der Beutel lebt zum Glück nicht.

Nachdem ich 20 Minuten neben meinem Freund, dem Bio-Beutel, gewartet habe, rufe ich genervt die Sekretärin des Unternehmens an, die mir ausrichtet, dass ich einen neuen Termin vereinbaren solle und dass ihre Mitarbeiter nicht mehr auf mich warten werden. Wo haben ihre Kollegen denn auf mich gewartet, frage ich mich und überlege, ob ich mich heulend in eine Ecke setzen soll. Schließlich beschließe ich, dass ich zu alt dafür bin und laufe langsam nach Hause, wo ich mich erst mal umziehen muss. Ich merke, dass ich mir von den Turnschuhen, die ich seit zwei Jahren nicht mehr anhatte, eine Blase geholt habe und atme einmal tief durch. Plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel mein Bio-Beutel-Mobil.