Wenn es um die Digitalisierung und Vernetzung der Produktion geht, kommt auch die Bundesregierung offenbar nicht mehr an der Lernfabrik 4.0 in der Gewerblichen Schule in Göppingen vorbei. Sie ist die erste ihrer Art in Deutschland und gilt inzwischen auch in Berlin als beispielhaftes Projekt dafür, wie Fachkräfte fit gemacht werden für das Thema Industrie 4.0. Nicht nur Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt Interesse. Am Dienstag trieb die digitale Revolution Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und seinen Stuttgarter Amtskollegen Nils Schmid in die neuen Labore, die in ihrem Aufbau und ihrer Ausstattung die Produktion der Zukunft schon vorwegnehmen.

Im Schlepptau hatten die beiden Minister, deren Besuch von Festo-Chef Dr. Eberhard Veit und der SPD-Bundestagsabgeordneten Heike Baehrens vermittelt worden war, einen Pulk an Fernseh-, Radio, Print- und Online-Journalisten aus dem gesamten Bundesgebiet. Die Delegation war gegen 14.20 Uhr mit 20-minütiger Verspätung in einem Bus mit der Aufschrift "Der kleine Stuttgarter" aus Fellbach angereist. Dort hatte sie die Firma Wittenstein Bastian besichtigt, die als Beispiel für die urbane Produktion der Zukunft gilt. Um die geht es auch in der Gewerbliche Schule, da war sich das Empfangskomitee sicher, dem Staatssekretär Peter Hofelich (SPD), der Landtagsabgeordnete Jörg Mathias Fritz (Grüne) und der Rektor der Beruflichen Schule, Siegfried Pietrass, angehörten.

"In der Lernfabrik werden technische Abläufe programmiert, simuliert und realisiert", erläuterte Pietrass den beiden Ministern. Den Auszubildenden - Berufsschüler, Mechatroniker und Automatisierungstechniker - werde ein praktischer Zugang zu den modernen Technologien und Anwendungen der Automatisierung geboten, erklärte Pietrass. Zum Angebot gehören CNC-Technik, Robotik, Schweißen, Metallbau und Steuerungstechnik. Die High-Tech-Werkstatt, die die Komponenten einer realen Produktionsanlage abbildet, demonstriert im Kleinen, wie eine große Fabrik funktioniert.

Bei der Besichtigung zeigte sich Vizekanzler Gabriel, der selbst auf einen ruhenden Arbeitsvertrag als Berufsschullehrer hinweisen kann, als neugieriger Fragesteller und aufmerksamer Zuhörer. Die jungen Auszubildenden, die in der Lernfabrik an einzelnenen Arbeitsstationen den Produktionsprozess einer Maschinenstraße steuerten und dabei beispielsweise Roboter mit dem Einbau einer Platine in eine Handyschale beschäftigten, löcherte er nach ihren Berufszielen, ihrem Auskommen und den technischen Neuerungen. "Die Lernfabrik bietet die Produktionswirklichkeit der Zukunft ab", geriet Joachim Heer ins Schwärmen.

"Wir haben hier Features, die gibt's draußen noch gar nicht", berichtete der Leiter des Kompetenznetzwerks Mechatronik dem Minister. "Ein digitales Gedächtnis, das sich daran erinnert, was produziert wurde, wie es produziert wurde, die Vernetzung ist das Neue." Letzendlich soll sich das System nach den Worten Heers selbst steuern, kontrollieren, Fehler erkennen und diese auch noch beheben. Der Minister zeigte sich beeindruckt. Sein Fazit nach dem Rundgang: "Das ist wirklich toll, was Sie hier anbieten, besser geht es nicht"

Das Interesse des Wirtschaftsministers an der Lernfabrik in Göppingen kommt nicht von ungefähr. Gabriel hat unlängst auf der Hannover-Messe den Startschuss für die neue Plattform "Industrie 4.0" gegeben. Deutschland soll als Leitanbieter für cyber-physische Produktionssysteme etabliert werden. Neben Gabriel selbst und Forschungsministerin Johanna Wanka steht auch der Göppinger Eberhard Veit an der fünfköpfigen Spitze des Verbunds aus 150 Experten aus Politik, Wirtschaft, Verbänden, Wissenschaft und Gewerkschaft. Es geht um einen Fahrplan in die neue industrielle Produktion, um Anwendungsgebiete und Geschäftsmodelle für Industrie 4.0. Veit ist als Chef des Esslinger Automatisierungsspezialisten Festo, der 2014 mit weltweit 17 800 Beschäftigten einen Jahresumsatz von 2,45 Milliarden Euro erwirtschaftet hat, einer der wichtigsten Förderer der Lernfabrik 4.0.

Ein Kommentar von Joa Schmid: Ein wichtiger Meilenstein

Wenn sich Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und sein Stuttgarter Amtskollege Nils Schmid über eine Stunde Zeit nehmen, um die neue Einrichtung einer Göppinger Schule zu besichtigen, dann muss es sich dabei um etwas ganz Besonderes handeln. In der Tat ist die Lernfabrik der Gewerblichen Schule - die erste ihrer Art in Deutschland - ein Meilenstein auf dem Weg in die digitale Produktion der Zukunft.

Dort werden die künftigen Fachkräfte optimal vorbereitet auf den rasanten Wandel in der Arbeitswelt, der unter dem Stichwort Industrie 4.0 zum brisantesten Thema der bundesdeutschen Wirtschaft geworden ist. Intelligente Maschinen und vernetzte Herstellungsprozesse verlangen topausgebildete Beschäftigte. Das hat man in der Gewerblichen Schule früh erkannt und mit Unterstützung des Landkreises, des Landes, eines Fördervereins und nicht zuletzt des Esslinger Automatisierungsspezialisten Festo gehandelt. Was dabei herausgekommen ist, straft alle Lügen, die die Region Göppingen in puncto Innovation im Land ganz weit abgeschlagen wähnen.

Mit der Lernfabrik, den beruflichen Schulen und der Hochschule hat der Landkreis Göppingen gewichtige Pfunde, mit denen er in Zeiten des Fachkräftemangels wuchern kann. Diese Werbung für den Wirtschaftsstandort kommt zur richtigen Zeit. Das zeigt auch die Reaktion des Bundeswirtschaftsministers. Sein Lob ist völlig berechtigt.